Fazit/Kurzzusammenfassung:
Das BAG entscheidet, dass eine formularvertragliche Verfallklausel für alle Ansprüche aus dem Arbeitsverhältnis – einschließlich der Karenzentschädigung – wirksam ist, wenn sie klar formuliert, für beide Seiten gleich gilt und angemessene Fristen setzt. Die Revision muss jeden Anspruch einzeln begründen; Zinsforderungen sind prozessual selbstständig.
Zusammenfassung der Entscheidung (BAG, 17.06.1997 - 9 AZR 801/95):
a) Wer will was von wem woraus?
- Beteiligte: Arbeitnehmer (AN) vs. Arbeitgeber (AG)
- Streitgegenstand: Der AN macht Karenzentschädigung (Gegenleistung für ein nachvertragliches Wettbewerbsverbot gem. §§ 74 ff. HGB) geltend.
- Rechtliche Grundlage:
- Der Arbeitsvertrag enthält eine formularmäßige Verfallklausel, die alle beidseitigen Ansprüche aus dem Arbeitsverhältnis (inkl. damit verbundener Ansprüche) erfasst.
- Die Klausel sieht vor, dass Ansprüche innerhalb von 2 Monaten nach Fälligkeit schriftlich geltend gemacht und bei Ablehnung oder Nichtäußerung innerhalb weiterer 2 Monate gerichtlich verfolgt werden müssen, sonst verfallen sie.
b) Was hat das Gericht entschieden?
Wirksamkeit der Verfallklausel:
- Die Klausel ist wirksam und erfasst auch den monatlich fälligen Anspruch auf Karenzentschädigung.
- Die Frist von jeweils 2 Monaten (für Geltendmachung und gerichtliche Verfolgung) ist angemessen und entspricht dem Bedürfnis nach Rechtssicherheit.
Prozessuale Fragen:
- Zinsforderungen sind prozessual selbstständig und müssen in der Revision separat begründet werden. Fehlt die Begründung für einen Anspruch, ist das Rechtsmittel insoweit unzulässig.
- Die Revision des AN scheitert teilweise an unzureichender Begründung für Nebenforderungen (z. B. Zinsen).
Karenzentschädigung:
- Der Anspruch unterliegt keinem zwingenden Ausschluss von Verfallklauseln.
- Er ist Gegenleistung für die Wettbewerbsenthaltung (nicht primär Schadensersatz) und damit verfallbar, sofern die Klausel an die Fälligkeit (nicht an die Beendigung des Arbeitsverhältnisses) anknüpft.
c) Begründung des Gerichts:
Vertragsfreiheit und Inhaltskontrolle:
- Verfallklauseln sind grundsätzlich zulässig (§§ 241, 305 BGB), unterliegen aber der richterlichen Kontrolle (z. B. auf Überraschungsmoment oder Unangemessenheit).
- Die hier streitige Klausel ist nicht überraschend, da:
- Der AN hatte ausreichend Zeit zur Prüfung (2 Wochen Bindungsfrist des AG).
- Die Klausel ist klar formuliert und knüpft an die Fälligkeit (ein erkennbarer Tatbestand) an.
- Sie gilt für beide Seiten gleich (keine einseitige Benachteiligung).
Angemessenheit der Frist:
- 2 Monate sind im Arbeitsrecht üblich und dienen der Rechtssicherheit.
- Vergleich mit Handelsvertretern (HV) ist nicht maßgeblich, da deren Entgelt oft variabel und schwerer fällig ist (daher längere Verjährung nach § 88 HGB).
Karenzentschädigung als verfallbarer Anspruch:
- Die Entschädigung setzt den Bestand des Arbeitsvertrags voraus und ist wirtschaftlich mit dem Arbeitsverhältnis verbunden.
- Zwingende Vorschriften (§§ 74 ff. HGB) verbieten nicht die Unterwerfung unter Verfallklauseln – nur die Anforderungen an das Wettbewerbsverbot selbst sind zwingend.
Prozessuale Selbstständigkeit von Zinsen:
- Zinsen sind kein Teil der Hauptforderung, sondern eigener Streitgegenstand (§ 554 Abs. 3 ZPO).
- Fehlende Begründung für Zinsen in der Revision führt zur Unzulässigkeit des Rechtsmittels für diesen Teil.
Hinweis: Das Gericht lässt offen, ob die ADAC-Tabelle für die Berechnung des Nutzungswerts eines Firmenwagens herangezogen werden kann, und ob die AGB-Kontrolle (trotz § 23 Abs. 1 AGBG) analog anwendbar ist. Diese Fragen sind für die Entscheidung nicht entscheidungserheblich.