Fazit/Kurzzusammenfassung:
Das OLG Schleswig entscheidet, dass gebundene Versicherungsvertreter (VV) eines Versicherungsunternehmens (VU) auch Versicherungsverträge konkurrierender, konzernfremder Anbieter vermitteln dürfen („Ventilgeschäfte“), solange diese Geschäfte eine untergeordnete Rolle (hier: ~3 % des Gesamtumsatzes) spielen. Die Haftungsübernahme durch das „Mutter-VU“ nach § 34d Abs. 4 GewO deckt dabei auch diese Fremdvermittlungen ab. Ein generelles Verbot solcher Geschäfte lässt sich weder aus nationalem Recht noch aus EU-Richtlinien ableiten.
Zusammenfassung der Entscheidung im Detail:
a) Wer will was von wem woraus?
- Kläger: Ein Wettbewerber (vermutlich ein anderes VU oder Verbund) beantragt beim Gericht, der Beklagten (einem VU) zu untersagen, ihre gebundenen Versicherungsvertreter (VV) anzuweisen oder zu veranlassen:
- Versicherungsverträge mit konzernfremden VU (z. B. der … Krankenversicherungs AG) zu vermitteln („Ventilgeschäfte“).
- Solche Verträge mittelbar/unmittelbar zu fördern (z. B. durch Weiterleitung von Anfragen an eine Finanzvermittlungs-GmbH).
- Rechtliche Grundlage: Verstoß gegen § 34d Abs. 4 GewO (Regelung für gebundene VV) und EU-Richtlinie 2002/92/EG (Versicherungsvermittlungsrichtlinie). Der Kläger argumentiert, dass die VV nur für das „Mutter-VU“ tätig sein dürften und eine Haftungsübernahme durch Dritt-VU fehle.
b) Was hat das Gericht entschieden?
Das OLG Schleswig weist die Klage ab und bestätigt:
- „Ventilgeschäfte“ sind zulässig, wenn sie Ausnahmecharakter haben (hier: ~3 % des Umsatzes).
- Die Haftungsübernahme durch das Mutter-VU nach § 34d Abs. 4 GewO erstreckt sich auch auf Fremdvermittlungen – eine zusätzliche Haftungsübernahme durch den Dritt-Versicherer ist nicht erforderlich.
- Die Einschaltung einer Vertriebsgesellschaft zur Weiterleitung der Verträge ist rechtlich unbedenklich, solange der VV sich gegenüber dem Kunden als gebundener Vermittler offenbart.
- Keine Sachkundeprüfung nötig: Gebundene VV benötigen für Ventilgeschäfte keine gesonderte Qualifikation.
c) Begründung des Gerichts:
Wortlaut und Systematik des § 34d Abs. 4 GewO:
- Die Norm ist eine Berufsausübungsregelung und muss wegen Art. 12 GG (Berufsfreiheit) eng ausgelegt werden.
- Der Gesetzgeber hat „Ventilgeschäfte“ nicht ausdrücklich verboten – im Gegenteil: Sie waren vor 2007 gängige Praxis und wurden nicht beanstandet.
- Die Haftungsübernahme durch das Mutter-VU gilt umfassend (§ 34d Abs. 7 GewO) und ist nicht auf dessen eigene Produkte beschränkt.
EU-Recht (RiLi 2002/92/EG):
- Die Richtlinie definiert zwar den gebundenen Vermittler (Art. 2 Nr. 7), regelt aber nicht abschließend, inwieweit er Fremdprodukte vermitteln darf.
- Der nationale Spielraum (Erwägungsgrund 10 der RiLi) erlaubt die deutsche Praxis der Ventilgeschäfte.
- Verbraucherschutz wird durch die umfassende Haftung des Mutter-VU gewahrt.
Verhältnismäßigkeit (Art. 12 GG):
- Ein generelles Verbot von Ventilgeschäften wäre ein unverhältnismäßiger Eingriff in die Berufsfreiheit der VV.
- Solange die Geschäfte Ausnahmecharakter haben (hier: 3 % des Umsatzes), wird das Leitbild des gebundenen VV nicht untergraben.
Keine formellen Hindernisse:
- Die Anmeldung der VV im Vermittlerregister durch das Mutter-VU reicht aus – eine zusätzliche Anmeldung durch den Dritt-Versicherer ist nicht nötig.
- Die Sachkunde der VV ist keine Zulässigkeitsvoraussetzung für gebundene Vermittler (§ 34d Abs. 4 GewO).
Kernaussage:
Gebundene Versicherungsvertreter dürfen in begrenztem Umfang auch Produkte fremder Versicherer vermitteln, solange das Mutter-VU die Haftung übernimmt und die Geschäfte nicht das Haupttätigkeitsfeld darstellen. Dies entspricht sowohl nationalem Recht als auch EU-Vorgaben und respektiert die Berufsfreiheit.