Zurück zu den Ergebnissen

ERGEBNISVORSCHLÄGE

LAG Düsseldorf, 03.06.2020 - 12 SaGa 4/20 – PU-Schaum –

VERFAHRENSINFORMATIONEN

rkr.; Vorinstanz ArbG Düsseldorf, 23.01.2020 - 12 Ga 5/20 -

zu der Entscheidung vgl. Timmann, jurisPR-Compl 6/2020 Anm. 1

PRAXISHINWEISE

Die Entscheidung zeigt die Änderungen auf, die durch das seit dem 26. April 2019 geltende Geschäftsgeheimnisgesetz gegenüber der früheren Rechtslage nach § 17 UWG a.F. eingetreten sind. War ein Geschäftsgeheimnis nach alter Rechtslage definiert als jede im Zusammenhang mit einem Betrieb stehende Tatsache, die nicht offenkundig, sondern nur einem eng begrenzten Personenkreis bekannt ist und nach dem bekundeten, auf wirtschaftlichen Interessen beruhenden Willen des Betriebsinhabers geheimgehalten werden soll (LS 48), besteht nach neuem Recht Geheimnisschutz nur unter einer weitergehenden Voraussetzung. Es muss sich demgemäß nicht nur um Informationen handeln, die weder insgesamt noch in der genauen Anordnung und Zusammensetzung ihrer Bestandteile den Personen in den Kreisen, die üblicherweise mit dieser Art von Informationen umgehen, allgemein bekannt oder ohne weiteres zugänglich und daher von wirtschaftlichem Wert sind (§ 2 Nr. 1 lit. a GeschGehG) und es muss nicht nur ein berechtigtes Interesse an der Geheimhaltung bestehen (§ 2 Nr. 1 lit. c GeschGehG), sondern weitergehend verlangt das Gesetz, dass die Informationen Gegenstand von den Umständen nach angemessenen Geheimhaltungsmaßnahmen durch ihren rechtmäßigen Inhaber ist (§ 2 Nr. 1 lit. b GeschGehG). Diese weitergehende Voraussetzung hat die Kammer dahin konkretisiert, dass sie einen aktiven Schutz erfordere (LS 63), was durch Verträge gewährleistet werden könne (LS 65), die allerdings die der Geheimhaltung unterliegenden Umstände genau bezeichnen müssten, um den Anforderungen des Gesetzes zu genügen (LS 66), wobei die Angemessenheit nach den Umständen des Einzelfalls im Rahmen einer Verhältnismäßigkeitsprüfung bestimmt werden müsse (LS 69). Reiche die vertragliche Regelung nicht aus, sei erforderlich, dass der Inhaber des Geschäftsgeheimnisses sein Geheimhaltungsinteresse bekunde, in dem er Unterlagen herausverlange, die geheim zu haltende Umstände enthalten (LS 73). Für herauszugebende Aufzeichnungen, deren Existenz dem Inhaber nicht bekannt sei, reiche die vereinbarte Herausgabepflicht als angemessene Schutzmaßnahme (LS 74). Ohne Anlass bestehe auch keine Pflicht ein Vollständigkeitsverzeichnis zu verlangen (LS 75).

Um den Geheimnisschutz weiter aufrecht zu erhalten, sollten U daher in den Arbeitsverträgen oder HVV mit Vertriebsmitarbeitern (Handlungsgehilfen) bzw. HV vertraglich genau definieren, was geheim zu halten ist. Dabei sind Generalklauseln und Allgemeinplätze zu vermeiden. Außerdem sollten Herausgabepflichten vereinbart und vom U bei Vertragsende auch überwacht werden. Zudem empfiehlt sich, durch technisch-organisatorische Maßnahmen sicher zu stellen, dass Dienstgeräte nur gegen Quittung herausgegeben werden und Geschäftsgeheimnisse aus Dienstgeräten oder aus dem Extranet des U entweder nicht ohne weiteres ausgedruckt oder exportiert werden können oder dass Ausdruck- oder Exportvorgänge jedenfalls systemisch nach Datum, Zeit, Menge und genutztem Endgerät erfasst werden. Im Rahmen eines definierten Prozesses bei Vertragsende sollte stets ein Verzeichnis erstellt werden, damit etwa ein dem Vertriebsmitarbeiter oder HV überlassener Dongle oder ein ihm ausgehändigtes Notebook nicht in Vergessenheit geraten können. Für den Fall, dass der Vertriebsmitarbeiter oder HV Daten auf in seinem Eigentum stehenden Medien gespeichert hat, ist zu vereinbaren, dass diese rückstandsfrei aus den Medien zu entfernen sind und dass dies dem U nachzuweisen ist. Vorgänge dieser Art sollten ebenso in einem Verzeichnis erfasst werden wie Rückgabevorgänge, die die einzelnen zurückgegebenen Gegenstände bezeichnen. Das Verzeichnis sollte von beiden Vertragsparteien unterzeichnet werden. Fehlende Gegenstände sind kenntlich zu machen, um deren Verbleib zu klären. Sind diese dem Vertriebsmitarbeiter oder HV nach dessen Meinung abhandengekommen, ist auch dies mit Ort und Zeit des letzten Vorhandenseins zu dokumentieren. Für den Fall, dass der Ausscheidende die Gegenstände wiederfinden sollte, ist zu verabreden, dass er sie herausgibt oder die Unterlagen vernichtet und den U hierüber unterrichtet. Außerdem sollte vom Ausscheidenden eine Vollständigkeitserklärung abgegeben werden.

LEITSÄTZE

Zu diesem Dokument sind in EVERS.OK redaktionell aufbereitete Leitsätze hinterlegt. Ergänzt werden diese durch weiterführende Rechtsprechungs- und Literaturverweise sowie Kommentierungen und Praxishinweise.

Jeder Leitsatz enthält zudem eine KI-generierte Liste mit Leitsätzen vergleichbarer Regelungsgehalte anderer Entscheidungen. Diese können bei der Recherche, der Einordnung verwandter Entscheidungen sowie in „Meine Akten“ weiterverwendet werden.

Für den Zugriff ist eine Anmeldung mit einem entsprechenden Zugang erforderlich.

Anmelden


Zugang auswählen
KI-EXZERPT

Fazit/Kurzzusammenfassung: Das LAG Düsseldorf entschied, dass private Aufzeichnungen eines Arbeitnehmers (AN) über Kundenbesuche und Kundendaten sowie Kundenlisten mit Absatzmengen als Geschäftsgeheimnisse nach dem GeschGehG gelten können. Allerdings setzt dies angemessene Geheimhaltungsmaßnahmen des Arbeitgebers (AG) voraus. Fehlen diese, besteht kein Unterlassungsanspruch. Im konkreten Fall wurde dem AG nur teilweise Recht gegeben: Die Nutzung privater Kalenderaufzeichnungen des AN für Wettbewerbszwecke wurde verboten, nicht jedoch die Nutzung einer Kunden-Umsatz-Liste, da der AG hier keine ausreichenden Schutzmaßnahmen nachweisen konnte.



Zusammenfassung der Entscheidung:

a) Wer will was von wem woraus?

  • Arbeitgeber (AG) verlangt von seinem ehemaligen Arbeitnehmer (AN) die Unterlassung der Nutzung von:
  1. Kunden-Umsatz-Listen (mit Absatzmengen und Umsätzen), die der AN zur Provisionskontrolle erhalten hatte.
  2. Privaten Aufzeichnungen (z. B. Kalendereinträge über Kundenbesuche, Ansprechpartner, Kontaktinformationen).
  • Rechtsgrundlage:
  • Ursprünglich § 17 UWG a.F. (vor April 2019).
  • Seit 26.04.2019 (Inkrafttreten des Geschäftsgeheimnisgesetzes – GeschGehG) gilt dieses für zukunftsgerichtete Ansprüche.
  • Ansprüchliche Normen: § 6 GeschGehG i. V. m. §§ 2, 4 GeschGehG (Schutz von Geschäftsgeheimnissen) sowie § 8 UWG (Unterlassungsanspruch bei unlauterem Wettbewerb).

b) Was hat das Gericht entschieden?

  1. Teilweise stattgebend:

    • Der AN darf seine privaten Aufzeichnungen (z. B. Kalendereinträge) nicht für Wettbewerbszwecke nutzen.
    • Begründung: Diese stellen Geschäftsgeheimnisse dar, da sie systematisch über einen langen Zeitraum geführt wurden und ein wirtschaftliches Geheimhaltungsinteresse des AG bestehen (z. B. erleichterte Kundenansprache durch Ansprechpartner).
    • Die Herausgabepflicht dieser Aufzeichnungen war im Arbeitsvertrag vereinbart (§ 14 Abs. 4, 5), was als angemessene Geheimhaltungsmaßnahme i. S. v. § 2 Nr. 1 lit. b GeschGehG gewertet wurde.
  2. Abweisend bezüglich der Kunden-Umsatz-Liste:

    • Der Unterlassungsanspruch für die Kunden-Umsatz-Liste wurde abgelehnt.
    • Begründung: Der AG hatte keine angemessenen Geheimhaltungsmaßnahmen getroffen.
    • Die bloße vertragliche Rückgabepflicht (ohne aktive Kontrolle oder Nachforderung) reicht nicht aus, um den Schutz nach § 2 Nr. 1 lit. b GeschGehG zu begründen.
    • Der AG wusste, dass der AN die Liste ausgedruckt hatte, unternahm aber monatelang keine Schritte zu deren Rückforderung – dies dokumentiert kein ernsthaftes Geheimhaltungsinteresse.
  3. Verfahrensfragen:

    • Bestimmtheit des Antrags: Der Unterlassungsantrag des AG war hinreichend bestimmt (§ 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO), da die verbotenen Handlungen (Nutzung der Listen/ Aufzeichnungen für Wettbewerb) klar umrissen waren.
    • Glaubhaftmachung: Der AG konnte nicht glaubhaft machen, dass der AN die Kunden-Umsatz-Liste besitzt oder nutzt (§ 920 Abs. 2 ZPO).
    • Der AN hatte plausibel dargelegt, die Liste nicht mehr zu besitzen (gelöscht/Rückgabe des Rechners).
    • Leistungsverfügung: Eine einstweilige Verfügung auf Unterlassung (Leistungsverfügung) ist ausnahmsweise zulässig, wenn der AG dringend auf Schutz angewiesen ist (§ 940 ZPO).
    • Hier bejaht, da der AG zeitnah (innerhalb von 8 Tagen nach Kenntnis der Rechtsverletzung) reagierte.

c) Begründung des Gerichts im Detail

  1. Geschäftsgeheimnis nach GeschGehG:

    • Definition: Informationen, die
    • nicht offenkundig sind,
    • wirtschaftlichen Wert haben (z. B. Kundenlisten mit Umsatzdaten),
    • Gegenstand angemessener Geheimhaltungsmaßnahmen sind (§ 2 Nr. 1 lit. b GeschGehG).
    • Private Aufzeichnungen: Können Geschäftsgeheimnisse sein, wenn sie systematisch (z. B. über Monate) geführt werden und Kundenbeziehungen detailliert abbilden (z. B. Ansprechpartner, Termine).
    • Kunden-Umsatz-Liste: Erfüllt die Definition, aber nur, wenn der AG aktive Schutzmaßnahmen ergreift (z. B. Zugriffsbeschränkungen, regelmäßige Rückforderung).
  2. Angemessene Geheimhaltungsmaßnahmen:

    • Nicht ausreichend:
    • Pauschale Vertragsklauseln (z. B. „alle Angelegenheiten sind geheim“), die keine konkreten Geschäftsgeheimnisse benennen (§ 14 Abs. 1–3 Arbeitsvertrag).
    • Bloße Rückgabepflicht ohne aktive Durchsetzung (z. B. keine Nachfrage nach Rückgabe der Liste).
    • Ausreichend:
    • Konkrete Rückgabeverpflichtung für dienstliche Unterlagen (z. B. § 14 Abs. 4, 5 Arbeitsvertrag).
    • Aktive Kontrolle (z. B. Vollständigkeitsprüfung bei Beendigung des Arbeitsverhältnisses).
  3. Keine Vorlagepflicht an den EuGH:

    • Die Auslegung des Begriffs „angemessene Geheimhaltungsmaßnahmen“ ist nicht vorlagepflichtig, da:
    • Es sich um ein einstweiliges Verfügungsverfahren handelt (keine abschließende Entscheidung).
    • Die Interessenabwägung im Verfahren ermöglicht eine vorläufige Lösung (Art. 11 Abs. 2 RiLi 2016/943/EU).
  4. Interessenabwägung:

    • Für den AG: Hohe wirtschaftliche Bedeutung der Kundenlisten (Schutz vor Wettbewerbsnachteilen).
    • Für den AN: Kein schutzwürdiges Interesse, fremde Geschäftsgeheimnisse für eigene Wettbewerbszwecke zu nutzen.
    • Ergebnis: Die Nutzung privater Aufzeichnungen wird verboten, die Kunden-Umsatz-Liste jedoch nicht, da der AG hier keine ausreichenden Schutzmaßnahmen nachweisen konnte.

---

Kernaussagen im Überblick:

Frage Antwort
Wer klagt gegen wen? Arbeitgeber (AG) gegen ehemaligen Arbeitnehmer (AN) auf Unterlassung der Nutzung von Kundenlisten und privaten Aufzeichnungen.
Rechtsgrundlage § 6 GeschGehG (seit 26.04.2019) bzw. § 17 UWG a.F. (vorher).
Was sind Geschäftsgeheimnisse? Kundenlisten mit Umsatzdaten, private Aufzeichnungen über Kundenbesuche (wenn systematisch geführt).
Wann besteht Schutz? Nur bei angemessenen Geheimhaltungsmaßnahmen (z. B. aktive Rückforderung, konkrete Vertragsklauseln).
Ergebnis Teilweise stattgebend: Verbot der Nutzung privater Aufzeichnungen, Abweisung bezüglich der Kunden-Umsatz-Liste.
Begründung AG hat bei der Liste keine ausreichenden Schutzmaßnahmen getroffen; bei privaten Aufzeichnungen reicht die vertragliche Herausgabepflicht.
ENTSCHEIDUNGSNAME
PU-Schaum
STICHWORT
Unterlassungsanspruch des AG gegen den AN wegen der Verwendung von Geschäftsgeheimnissen
angemessene Geheimhaltungsmaßnahmen
FUNDSTELLE
AuA 20, 677
GRURPrax 20, 525
ArbRB 20, 334
BB 20, 2227 LS
WRP 20, 1509 LS
FA 20, 319 LS
DRsp Nr. 2020/13406
NORM
§ 935 ZPO
§ 940 ZPO
§ 938 ZPO
§ 936 ZPO
§ 920 Abs. 2 ZPO
§ 890 ZPO
§ 890 ZPO
§ 533 ZPO
§ 525 ZPO
§ 294 ZPO
§ 286 ZPO
§ 267 ZPO
§ 253 Abs. 2 ZPO
§ 17 Abs. 1 UWG
§ 17 Abs. 2 UWG
§ 8 Abs. 1 UWG
§ 3 Abs. 1 UWG
§ 3 a UWG
§ 6 GeschGehG
§ 4 GeschGehG
§ 2 GeschGehG
§ 667 BGB
Art. 2 RiLi 2016/943/EU
Art. 11 RiLi 2016/943/EU
Art. 105 EuGHVfO 2012
Art. 107 EuGHVfO 2012
REDAKTION
Evers
GERICHT
LAG Düsseldorf
SPRUCHTYP
Urteil
DATUM
03.06.2020
AKTENZEICHEN
12 SaGa 4/20
ECLI
ECLI:DE:LAGD:2020:0603.12SAGA4.20.00
LIEFERUNG
16.09.2020
ÄNDERUNG
02.09.2026 17:03:22