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ERGEBNISVORSCHLÄGE

OLG Düsseldorf, 25.07.2019 - I-16 U 120/18 – Zurich 2 –

VERFAHRENSINFORMATIONEN

n.rkr.; Vorinstanz LG Düsseldorf, 27.08.2018 - 39 O 69/17 -; nachfolgend BGH, 05.11.2020 - VII ZR 188/19 -; der Senat hat die Revision nicht zugelassen, die gesetzlichen Voraussetzungen des § 543 Abs. 2 ZPO lägen nicht vor; die Rechtssache habe weder grundsätzliche Bedeutung (§ 543 Abs. 2 Nr. 1 ZPO), noch werfe die Entscheidung Rechtsfragen auf, deren Beantwortung durch den BGH zur Sicherung einer einheitlichen Rspr. oder zur Fortbildung des Rechts erfordert (§ 543 Abs. 2 Nr. 2 ZPO); die Ausführungen des Senats stünden in Übereinstimmung mit der Rspr. des BGH zur Frage einer analogen Anwendung des § 89 b Abs. 3 Nr. 1 HGB; im Übrigen handele es sich um eine reine Einzelfallentscheidung, da der Senat die maßgeblichen Umstände des vorliegenden Falles tatrichterlich gewürdigt und unter Wertungsgesichtspunkten eigenständig beurteilt habe

PRAXISHINWEISE

Mit dieser Entscheidung beschäftigt sich ein OLG-Senat erstmals mit einer sog. Change-of-Control-Klausel im Handelsvertreterrecht (vgl. dazu auch die Anm. 2.6 zu BGH, 16.03.1970 - Schuhfabrikbedarfsartikel -). Diese Klauseln werden häufig im Exklusivvertrieb mit VV vereinbart, die in der Rechtsform einer Kapitalgesellschaft tätig sind. Nach der im Streitfall verwendeten Klausel sollte der VVV ohne weiteres enden, wenn ein Gesellschafter-Geschäftsführer aus der VV-GmbH ausscheidet. Nach Prüfung der Wirksamkeit der Klausel am Maßstab der Vorschriften der §§ 89, 89 a HGB (LS 13, 14, 15) sowie an § 89 b Abs. 4 Satz 1 HGB (LS 23), erörtert der Senat die von ihm bejahte entsprechende Anwendung des Ausschlusstatbestandes des § 89 b Abs. 3 Nr. 1 HGB (LS 26 ff.). Zwar war der U im Streitfall durch die Klausel durchaus in einer Situation, die die derjenigen vergleichbar ist, die der Ausschluss des AA für den Fall der Eigenkündigung verhindern soll. Denn die Organe der HV-GmbH hatten es gleichsam in der Hand, die Entstehung des AA zu jedem beliebigen Zeitpunkt herbeizuführen, indem ein Gesellschafter-Geschäftsführer abberufen wird oder er als Gesellschafter aus der VV-GmbH ausscheidet, ohne dass der U durch sein Verhalten zu der Herbeiführung des Vertragsendes begründeten Anlass hätte geben müssen. Der Senat lässt allerdings unerörtert, ob eine Vergleichbarkeit der Fallgestaltungen und damit auch die Analogie nicht daran scheitern müssen, dass es der U war, der auf der Klausel bestanden hat und dass der U es damit den Vertreterorganen der HV-GmbH erst ermöglicht hat, den AA zu begründen, indem er auf der Vereinbarung einer auflösenden Bedingung bestanden hat. Es kommt hinzu, dass die Anwendung des Ausschlusstatbestandes im Streitfall spätestens daran hätte scheitern müssen, dass es der U war, der die Fortsetzung des HVV verhinderte, indem er die Fortsetzung der Zusammenarbeit mit der VV-GmbH nach dem Ausscheiden einer der beiden Gesellschafter-Geschäftsführer von neuen und für die VV-GmbH offenbar nicht akzeptablen Konditionen abhängig gemacht hat (LS 68). Anders als der Senat angenommen hat, war der U im Streitfall nicht in der Situation, dass ihm die ausgleichswahrende Beendigung von der HV-GmbH aufgedrängt worden wäre, wie es der Tatbestand des § 89 b Abs. 3 Nr. 1 HGB voraussetzt. Ein U, der es in der Hand, den Beendigungstatbestand ungeschehen zu machen, ist nicht schutzwürdig. Die Entscheidung ist nicht rechtskräftig. Der BGH hat sie aufgehoben, indem er ein Analogieverbot für den Ausschlusstatbestand der Eigenkündigung aus der Taufe gehoben hat (BGH, 05.11.2020 LS 6).

LEITSÄTZE

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Kurzzusammenfassung (Fazit)

Das OLG Düsseldorf entscheidet, dass ein Ausgleichsanspruch (AA) nach § 89b HGB für eine als GmbH organisierte Versicherungsvertreterin (VV-GmbH) ausgeschlossen ist, wenn die Beendigung des Vertretervertrages durch das freiwillige Ausscheiden eines Gesellschafter-Geschäftsführers herbeigeführt wird – analog zu einer Eigenkündigung des Handelsvertreters. Das Gericht bejaht die Zulässigkeit einer auflösenden Bedingung im Vertrag, die den Vertrag automatisch endet, sobald ein Gesellschafter ausscheidet, und wertet dies als risikobehaftete Entscheidung der Gesellschafter, die den AA ausschließt.



Ausführliche Zusammenfassung

a) Wer will was von wem woraus?

  • Klägerin: Eine VV-GmbH (Versicherungsvertreterin in GmbH-Form) verlangt von einem Versicherungsunternehmen (U) einen Ausgleichsanspruch (AA) nach § 89b Abs. 1 HGB für die von ihr geworbenen Kunden.
  • Beklagter: Das U weigert die Zahlung mit der Begründung, der Vertrag sei durch das Ausscheiden eines Gesellschafter-Geschäftsführers der VV-GmbH automatisch beendet worden (auflösende Bedingung gem. § 158 Abs. 2 BGB), was den AA ausschließe.

b) Was hat das Gericht entschieden?

  1. Anwendbarkeit des § 89b HGB auf GmbH-Vertreter:

    • Die Vorschrift gilt auch für Kapitalgesellschaften (hier: VV-GmbH), die als Handelsvertreter tätig sind. Die Rechtsform ändert nichts an der Anwendbarkeit der §§ 84 ff. HGB.
  2. Zulässigkeit der auflösenden Bedingung:

    • Eine vertragliche Regelung, wonach der Vertrag automatisch endet, wenn ein Gesellschafter-Geschäftsführer ausscheidet, ist wirksam.
    • Die Bedingung wird nicht als Umgehung der Kündigungsfristen (§§ 89, 89a HGB) gewertet, da sie der persönlichen Bindung des U an die Gesellschafter dient (hier: Fortführung einer seit 1968 bestehenden Agentur).
  3. Ausschluss des Ausgleichsanspruchs:

    • Der AA ist analog § 89b Abs. 3 Nr. 1 HGB ausgeschlossen, wenn die Gesellschafter der VV-GmbH die auflösende Bedingung frei und einvernehmlich herbeiführen (hier: Übertragung der Anteile und Beendigung der Geschäftsführerstellung).
    • Begründung: Dies entspricht einer Eigenkündigung, da die Gesellschafter die Vertragsbeendigung willentlich und ohne Einfluss des U veranlassen. Das wirtschaftliche Risiko liegt damit in ihrer Sphäre.
  4. Kein begründeter Anlass durch das U:

    • Die VV-GmbH konnte keine Verhaltensweisen des U nachweisen, die eine Vertragsbeendigung rechtfertigen würden (z. B. alte E-Mails aus 2012–2016 oder unterbliebene Marketingunterstützung waren nicht schwerwiegend genug).
    • Die Fortsetzungsbereitschaft der VV-GmbH (Verhandlungen über einen neuen Vertrag) widerlegt die Behauptung, das U habe die Beendigung veranlasst.

c) Begründung des Gerichts

  1. Rechtliche Einordnung der auflösenden Bedingung:

    • Die Bedingung (Ausscheiden eines Gesellschafters) ist zulässig, da sie keine Kündigungsfristen umgeht und der persönlichen Vertrauensbeziehung zwischen U und Gesellschaftern Rechnung trägt.
    • Die Zurechnung des Gesellschafterhandelns zur GmbH ist gerechtfertigt, da die Vertragsparteien dies ausdrücklich vereinbart haben.
  2. Analogie zu § 89b Abs. 3 Nr. 1 HGB:

    • Der Gesetzgeber will keinen AA gewähren, wenn der Handelsvertreter die Beendigung selbst veranlasst (hier: durch Gesellschafterbeschluss).
    • Vergleichbare Interessenlage: Wie bei einer Eigenkündigung tragen die Gesellschafter das Risiko der Vertragsbeendigung und können es nicht auf das U abwälzen.
    • Kein Widerspruch zu anderen BGH-Entscheidungen (z. B. Suizid eines HV), da hier die absichtliche Herbeiführung der Beendigung im Vordergrund steht.
  3. Billigkeitserwägungen (§ 89b Abs. 1 HGB):

    • Selbst wenn die Analogie nicht greifen würde, wäre der AA im Einzelfall auf Null zu reduzieren, da die VV-GmbH die Kunden teilweise als Makler weiterbetreut und damit selbst von den Vorteilen profitiert.

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Kernaussagen im Überblick

Frage Antwort des OLG Düsseldorf
Anwendbarkeit § 89b HGB Ja, auch auf GmbH-Vertreter.
Auflösende Bedingung Zulässig, wenn sie der persönlichen Bindung dient.
Ausschluss des AA Ja, wenn Gesellschafter die Bedingung frei herbeiführen (analog § 89b Abs. 3 Nr. 1 HGB).
Begründeter Anlass Nein, da kein schwerwiegendes Fehlverhalten des U nachweisbar.
ENTSCHEIDUNGSNAME
Zurich 2
STICHWORT
AA des VV
Eigenkündigung einer VV-GmbH bei vereinbarter Beendigung des VVV im Falle des Wechsels der Gesellschafter
Gesellschafterwechsel
Change-of-Control-Klausel
Change of Control
NORM
§ 89 b Abs. 1 HGB
§ 89 b Abs. 3 Nr. 1 HGB analog
§ 89 b Abs. 3 Nr. 1, 1. Var. HGB
§ 92 Abs. 2 HGB
§ 158 Abs. 2 BGB
REDAKTION
Evers
GERICHT
OLG Düsseldorf
SPRUCHTYP
Urteil
DATUM
25.07.2019
AKTENZEICHEN
I-16 U 120/18
16 U 120/18
ECLI
ECLI:DE:OLGD:2019:0725.16U120.18.00
LIEFERUNG
30.12.2020
ÄNDERUNG
01.07.2026 15:57:34