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ERGEBNISVORSCHLÄGE

KG, 22.02.2021 - 2 U 13/18 – Gruß-, Panorama- und Anlasskarten –

VERFAHRENSINFORMATIONEN

Vorinstanz LG Berlin, 19.01.2018 - 94 O 89/16 -; nachfolgend KG, 29.03.2021 - 2 U 13/18 -

PRAXISHINWEISE

Mit dieser Entscheidung vertritt der Senat erstmals in der obergerichtlichen Rspr. die von ihm mit amtlichem Leitsatz betonte Auffassung, § 89 b Abs. 3 Nr. 2 HGB schließe den AA des HV auch dann aus, wenn der U die Kündigung erst nach Verstreichen der Überlegungsfrist erklärt und der HVV anschließend endet (LS 1). Ferner sieht der Senat den HV nach Maßgabe der Vorschrift des § 86 Abs. 1, 2 HGB unter dem Aspekt einer aus der Interessenwahrungspflicht abgeleiteten Marktbeobachtungspflicht (LS 15) als verpflichtet an, den U darüber zu unterrichten, wenn seine Ehefrau in ein Vertreterverhältnis zu dem Hauptkonkurrenten des U eintritt (LS 19). Die Verletzung dieser Berichtspflicht soll eine Störung im Vertrauensbereich darstellen (LS 61), die den U ohne Abmahnung zur Kündigung des HVV aus wichtigem Grund berechtigt (LS 12). Außerdem geht der Senat davon aus, dass der U berechtigt ist, einem HV, dem die Alleinvertretung für einen Bezirk zugewiesen ist, einen anderen Bezirk zuzuweisen (LS 40). Schließlich soll eine wegen geringfügiger Überschreitung der Überlegungsfrist unberechtigt erfolgte außerordentliche Kündigung des U den HV nicht zur Kündigung aus begründetem Anlass i.S. des § 89 b Abs. 3 Nr. 1 HGB berechtigen (LS 91).

Für die Praxis ist die Entscheidung nicht verwertbar.

Mit ihr weicht der Senat offenbar von der eigenen Rspr. ab, nach der die Anwendung des Ausschlusstatbestands zumindest erfordert, dass mit der Erklärung wirksam eine außerordentliche Kündigung hätte ausgesprochen werden können (KG, 15.09.1994 LS 4 m.w.N.). Daran fehlte es jedoch selbst nach Auffassung des Senats, da der U die Überlegungsfrist hat verstreichen lassen. Entgegen der Auffassung des Senats kann die Voraussetzung der Ausübung des Kündigungsrechts innerhalb angemessener Frist auch nicht als „formal“ qualifiziert werden (Anm. 74.1 ff).

Der Senat verkennt zudem, dass eine unberechtigte außerordentliche Kündigung des HVV in ein Angebot umzudeuten ist, die Zusammenarbeit zu beenden, so dass der Vertrag im Falle einer unter Zurückweisung der unberechtigten außerordentlichen Kündigung erklärten fristlosen Kündigung des anderen Teils (LS 88) kraft Aufhebungsvertrages endet (Anm. 73.3, vgl. dazu auch LS 2) und nicht als Folge der rechtsgestaltenden Wirkung der Kündigungserklärung.

Aus dem Gesichtspunkt einer Marktbeobachtungspflicht erscheint zweifelhaft, ob die Information, dass die eigene Ehefrau in ein Vertreterverhältnis zum Wettbewerber tritt, vom HV geschuldet sein kann (Anm. 15.1). Konnte der HV im Streitfall nur aus seinem Eheverhältnis erfahren haben, ob und wann seine Ehefrau in die Dienste des Hauptkonkurrenten des U tritt, dürfte das Verständnis des Senats vom Inhalt der Berichtspflicht mit dem Schutz von Ehe und Familie nach Art. 6 Abs. 1 GG nicht in Einklang stehen (Anm. 15.2). Auch stellt sich die Frage, ob die Übermittlung des personenbezogenen Datums der Ehefrau, ihren Eintritt in das Konkurrenzunternehmen betreffend, mit der Vorschrift des Art. 6 Abs. 1 DSGVO in Deckung zu bringen sein soll (Anm. 15.3).

Die Annahme des Senats, bei der Verletzung der Berichtspflicht handele es sich um eine Störung im Vertrauensbereich, wird nicht durch tatsächliche Feststellungen getragen. Die Ehefrau übte weder eine Strohmannfunktion aus, noch hat der Senat Tatsachen dafür festgestellt, dass der HV gemeinsam mit seiner Ehefrau kollusiv zu Lasten des U habe handeln wollen oder dass der U hätte befürchten müssen, der Vorfall würde sich wiederholen (Anm. 61.4).

Das vom Senat angenommene Weisungsrecht, dem HV einen anderen Bezirk zuweisen zu können (LS 40) begegnet durchgreifenden Bedenken. Zum einen kann der U im Weisungswege keine neue Pflichten begründen (Anm. 40.1). Zum anderen hat er sich durch die vorherige Bezirkszuweisung und das dem HV eingeräumte Alleinvertretungsrecht vertraglich gebunden (Anm. 40.2). Tatsächliche Feststellungen dazu, dass und warum dies nicht gelten soll, hat der Senat nicht getroffen.

Nicht zu folgen ist dem Senat schließlich auch darin, dass eine infolge Verfristung um wenige Tage unwirksame außerordentliche Kündigung des U dem HV keinen begründeten Anlass zur ausgleichserhaltenden Kündigung i.S.d. § 89 b Abs. 3 Nr. 1 HGB vermittele. Der Senat lässt dabei jedenfalls unberücksichtigt, dass der U dem HV durch die unberechtigte fristlose Kündigung das Recht auf Tätigkeit entzieht, die unberechtigte fristlose Kündigung daher einer unberechtigten Freistellung des HV von der Tätigkeit gleich kommt, die den HV zur Kündigung aus wichtigem Grund berechtigt (Anm. 91.3). Tatsächliche Feststellungen dazu, dass der U sich im Streitfall (wirksam) vorbehalten hätte, den HV während der Kündigungsfrist freizustellen, hat der Senat nicht getroffen.

Für die Spruchpraxis zeigt die Entscheidung, dass Spruchkörper bei der Frage, ob eine Sache geeignet erscheint, im Beschlusswege nach § 522 ZPO behandelt zu werden, eine gewisses Störgefühl entwickeln sollten, wenn mehr als zehntausend Zeichen benötigt werden, den Beschluss zu begründen. Erst recht muss dies gelten, wenn der Beschluss von der Rspr. des BGH abweicht, und zwar auch insofern, als danach eine einmalige Verletzung der Berichtspflicht bisher nicht ausreichte, einen wichtigen Grund zur Kündigung des HVV anzunehmen (BGH, 18.02.1982 LS 9 - Tierfutter 2 -).

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Fazit/Kurzzusammenfassung: Das Kammergericht (KG) hat entschieden, dass der Handelsvertreter (HV) keinen Ausgleichsanspruch nach § 89b HGB hat, weil der Unternehmer (U) den Handelsvertretervertrag (HVV) aus wichtigem Grund wegen schuldhaften Verhaltens des HV gekündigt hat. Der HV hatte seine Interessenwahrungspflicht verletzt, indem er den U nicht rechtzeitig darüber informierte, dass seine Ehefrau als Handelsvertreterin für den Hauptkonkurrenten des U tätig wurde.


Zusammenfassung der Entscheidung:

a) Wer will was von wem woraus?

  • Kläger: Handelsvertreter (HV) – fordert Ausgleichsanspruch nach § 89b HGB.
  • Beklagter: Unternehmer (U) – wendet ein, der Ausgleichsanspruch sei nach § 89b Abs. 3 Nr. 2 HGB ausgeschlossen, weil er den HVV aus wichtigem Grund wegen schuldhaften Verhaltens des HV gekündigt habe.
  • Rechtsgrundlage: § 89b HGB (Ausgleichsanspruch des Handelsvertreters), § 89a HGB (außerordentliche Kündigung), § 86 HGB (Interessenwahrungspflicht des HV).

b) Was hat das Gericht entschieden?

Das KG hat die Klage des HV abgewiesen und festgestellt:

  1. Der Ausgleichsanspruch des HV ist nach § 89b Abs. 3 Nr. 2 HGB ausgeschlossen, weil der U den HVV aus wichtigem Grund wegen schuldhaften Verhaltens des HV gekündigt hat.
  2. Der HV hat seine Interessenwahrungspflicht (§ 86 HGB) verletzt, indem er den U nicht rechtzeitig darüber informierte, dass seine Ehefrau als Handelsvertreterin für den Hauptkonkurrenten des U tätig wurde.
  3. Die Kündigung des U war berechtigt, da das Verhalten des HV einen wichtigen Grund darstellte und die Vertrauensgrundlage zwischen den Parteien zerstört hatte.
  4. Die Überlegungsfrist des U (Zeitraum zwischen Kenntnis des Kündigungsgrundes und Ausspruch der Kündigung) war trotz Überschreitens der regelmäßigen Zwei-Monats-Frist im Einzelfall angemessen, da besondere Umstände (z. B. Anhörung des HV, komplexe Sachverhalte) vorlagen.

c) Begründung des Gerichts:

  1. Verletzung der Interessenwahrungspflicht (§ 86 HGB):

    • Der HV war verpflichtet, den U unaufgefordert und rechtzeitig über alle Umstände zu informieren, die für dessen Interessen relevant sind.
    • Die Tätigkeit der Ehefrau des HV für den Hauptkonkurrenten war für den U von erheblichem Interesse, da:
    • Der Konkurrent aggressiv gegen den U vorging (z. B. Abwerbung von Kunden, Kopieren von Produkten).
    • Die Ehefrau des HV bis kurz zuvor als Vertriebsleiterin für den U tätig war und über interne Kenntnisse verfügte.
    • Der HV und seine Ehefrau denselben Postleitzahlenbezirk betreuten, was den Zugang zu Geschäftsgeheimnissen des U ermöglichte.
    • Der HV hätte die Information spätestens bei Feststehen des Wechsels weitergeben müssen, statt sich auf Marktgerüchte zu verlassen.
  2. Wichtiger Grund für die Kündigung (§ 89a HGB):

    • Das Verhalten des HV stellt einen schwerwiegenden Vertrauensbruch dar, der eine weitere Zusammenarbeit unzumutbar macht.
    • Eine Abmahnung war entbehrlich, da die Vertrauensgrundlage durch das Verhalten des HV (z. B. irreführende Antworten auf Anfragen des U, Verschleierung der Geschäftsraumpartnerschaft) endgültig zerstört war.
  3. Ausschluss des Ausgleichsanspruchs (§ 89b Abs. 3 Nr. 2 HGB):

    • Der Ausgleichsanspruch entfällt, wenn der U den HVV wegen schuldhaften Verhaltens des HV kündigt.
    • Richtlinienkonforme Auslegung: Nach Art. 18 lit. a der EU-Richtlinie 86/653/EWG muss ein unmittelbarer Ursachenzusammenhang zwischen dem schuldhaften Verhalten des HV und der Kündigung bestehen. Dies war hier gegeben.
  4. Angemessenheit der Überlegungsfrist:

    • Die Zwei-Monats-Frist des § 626 Abs. 2 BGB gilt für HVV nicht schematisch.
    • Im Einzelfall kann eine längere Überlegungszeit (hier: ca. 2,5 Monate) angemessen sein, wenn:
    • Der Sachverhalt komplex ist (z. B. Anhörung des HV zu mehreren Vorwürfen).
    • Der U durch Verzögerungen des HV (z. B. verspätete Antworten) behindert wurde.
    • Die Pflichtverletzung des HV besonders schwerwiegt (hier: Vertrauensbruch mit existenzbedrohenden Folgen für den U).
  5. Kein begründeter Anlass zur Eigenkündigung des HV (§ 89b Abs. 3 Nr. 1 HGB):

    • Der HV konnte sich nicht auf einen begründeten Anlass für seine eigene Kündigung berufen, da die Kündigung des U berechtigt war.
    • Ein einmaliger Verstoß des U gegen die Alleinvertretungsregelung rechtfertigt keine fristlose Kündigung des HV.

Ergebnis: Der HV erhält keinen Ausgleichsanspruch, da der U den HVV zu Recht aus wichtigem Grund wegen schuldhaften Verhaltens des HV gekündigt hat.

ENTSCHEIDUNGSNAME
Gruß-, Panorama- und Anlasskarten
STICHWORT
AA des HV
wichtiger Grund
Verletzung der Berichtspflicht
Ausschlussgrund
Kündigung des U aus wichtigem Grund wegen schuldhaften Verhaltens
Ausschlussgrund bei verwirktem Recht zur Kündigung aus wichtigem Grund
Ausschluss des AA des HV
Überschreitung der angemessenen Überlegungsfrist
begründeter Anlass
unwirksame fristlose Kündigung
Verletzung des Alleinvertretungsrechts
Einsatz weiterer Vertreter in dem dem HV zugewiesenen Bezirk
Postleitzahlengebiet
Pflicht zur Marktbeobachtung
Berichtspflicht des HV
NORM
§ 89 HGB
§ 89 a Abs. 1 Satz 1 HGB
§ 89 b Abs. 1 HGB
§ 89 b Abs. 3 Nr. 1 HGB
§ 89 b Abs. 3 Nr. 2 HGB
§ 314 Abs. 1 Satz 2 BGB
§ 314 Abs. 3 BGB
REDAKTION
Evers
GERICHT
KG
SPRUCHTYP
Beschluss
DATUM
22.02.2021
AKTENZEICHEN
2 U 13/18
ECLI
ECLI:DE:KG:2021:0222.2U13.18.00
LIEFERUNG
27.05.2021
ÄNDERUNG
11.09.2026 08:28:34