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ERGEBNISVORSCHLÄGE

BGH, 28.06.2018 - I ZR 77/17 – Tarifwechselberatung –

VERFAHRENSINFORMATIONEN

Vorinstanzen LG Berlin, 31.03.2017 - 56 S 30/16 -; AG Lichtenberg, 26.07.2016 - 20 C 160/16 -; zu der Entscheidung vgl. auch jurisPR-VersR 11/2018 Anm. 1 (Münkel)

PRAXISHINWEISE

Mit dieser Entscheidung hat der I. Zivilsenat den in der instanzgerichtlichen Rspr. bestehenden Meinungsstreit (vgl. LG Hamburg, 08.03.2013 LS 5 m.w.N. mit Überblick über den Meinungsstand) über die Frage beendet, ob VM gegen ein Erfolgshonorar Tarifwechselberatung nach § 204 VVG durchführen können. Die Entscheidung hat auch praktische Bedeutung für VV, die bisher vielfach die aufwändige und auch haftungsträchtige Beratung bei der Durchführung eines Tarifwechsels nach § 204 VVG ohne ein Entgelt durchgeführt haben. Auch Sie können VN Entgelte berechnen, die sich aus der von diesen erzielten Prämien- oder Beitragsersparnis berechnen. Die VU können nicht damit gehört werden, dass die VV eine Provision ab dem 2. Versicherungsjahr für die Betreuung des VN erhalten, weil es sich bei der Durchführung der Tarifwechselberatung nach dieser Entscheidung um eine auf den Abschluss eines Geschäfts gerichtete Vermittlungstätigkeit handelt (LS 9).

Praktische Bedeutung kommt der Entscheidung auch insoweit zu, als sie klarstellt, dass ein VMV auch dann anzunehmen ist, wenn der VM nicht zur Abgabe von Vertragserklärungen bevollmächtigt ist (LS 10). Damit wird klargestellt, dass der Widerruf der Maklervollmacht den VMV nicht beendet. Dies gibt den VM die Möglichkeit, in Fällen des Vermittlerwechsels die Folgecourtage für das nächste Versicherungsjahr mit dem Argument zu fordern, dass der VMV über den Termin hinaus fortbestanden hat, zu dem der Versicherungsvertrag ordentlich gekündigt worden ist. Legitimiert sich ein neuer VM auf einen Versicherungsvertrag, sollten VU daher stets die Anzeige des neuen Mandats zum Anlass nehmen, dem VN zu raten, den bisherigen VMV zu kündigen, sofern dies noch nicht geschehen ist.

Mit dieser Entscheidung wird erstmals höchstrichterlich klargestellt, dass ein VMV auch dann vorliegt, wenn die Parteien nicht vereinbart haben, dass der VM die dauernde Betreuung des Kunden übernimmt (LS 2, 21).

Praktische Bedeutung kommt der Entscheidung auch insoweit zu, als sie klarstellt, dass ein VMV auch dann anzunehmen ist, wenn der VM nicht zur Abgabe von Vertragserklärungen bevollmächtigt ist (LS 10). Damit wird klargestellt, dass der Widerruf der Maklervollmacht den VMV nicht beendet. Dies gibt den VM die Möglichkeit, in Fällen des Vermittlerwechsels die Folgecourtage für das nächste Versicherungsjahr mit dem Argument zu fordern, dass der VMV über den Termin hinaus fortbestanden hat, zu dem der Versicherungsvertrag ordentlich gekündigt worden ist. Legitimiert sich ein neuer VM auf einen Versicherungsvertrag, sollten VU daher stets die Anzeige des neuen Mandats zum Anlass nehmen, dem VN zu raten, den bisherigen VMV zu kündigen, sofern dies noch nicht geschehen ist.

Mit dieser Entscheidung wird erstmals höchstrichterlich klargestellt, dass ein VMV auch dann vorliegt, wenn die Parteien nicht vereinbart haben, dass der VM den VN dauerhaft betreut (LS 21). Bisher hatte der BGH sich nur dazu geäußert, dass der formularmäßige Ausschluss der dauerhaften Betreuungsleistung den VN unangemessen benachteiligt, weshalb ihm die Wirksamkeit zu versagen ist (BGH, 20.01.2005 LS 32 m.w.N. - Atlanticlux 4 -). Insoweit ist die weitere Entwicklung abzuwarten.

LEITSÄTZE

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Fazit/Kurzzusammenfassung: Der BGH entscheidet, dass eine Vereinbarung zwischen einem Versicherungsnehmer (VN) und einem Versicherungsmakler (VM) über die Recherche von Tarifwechseloptionen in der privaten Krankenversicherung (§ 204 VVG) als Versicherungsmaklervertrag (VMV) einzuordnen ist. Die Tätigkeit des VM stellt eine zulässige Versicherungsvermittlung dar, selbst wenn kein neuer Vertrag abgeschlossen, sondern der bestehende Vertrag nur tariflich angepasst wird. Die Vereinbarung eines Erfolgshonorars ist wirksam, und die Tätigkeit des VM verstößt nicht gegen das Rechtsdienstleistungsgesetz (RDG).


Zusammenfassung der Entscheidung:

a) Wer will was von wem woraus?

  • VN (Versicherungsnehmer) beauftragt einen VM (Versicherungsmakler) gegen Erfolgshonorar damit, Einsparmöglichkeiten durch einen Tarifwechsel in seiner privaten Krankenversicherung (§ 204 VVG) zu recherchieren.
  • Der VM soll konkret ein Angebot für einen geänderten Tarif einholen, ohne jedoch selbst Vertragserklärungen abgeben zu dürfen.
  • Streitig war, ob diese Vereinbarung ein VMV ist und ob sie gegen das RDG oder Transparenzgebote (§ 307 BGB) verstößt.

b) Was hat das Gericht entschieden?

  1. Einordnung als VMV:

    • Die Vereinbarung ist ein Versicherungsmaklervertrag (VMV) nach § 59 Abs. 3 VVG, auch wenn kein neuer Vertrag geschlossen, sondern der bestehende Vertrag tariflich angepasst wird.
    • Ein VMV setzt keine dauerhafte Betreuung voraus.
  2. Kein Verstoß gegen das RDG:

    • Die Tätigkeit des VM (Recherche von Tarifoptionen und rechtliche Prüfung) ist als Nebenleistung zum Berufsbild des VM zulässig (§ 5 Abs. 1 RDG).
    • Auch die Übernahme eines Schlichtungsverfahrens durch den VM ist erlaubt.
  3. Wirksamkeit der Vergütungsvereinbarung:

    • Die erfolgsabhängige Vergütung (z. B. neunfacher Betrag der monatlichen Einsparung) ist nicht intransparent (§ 307 BGB) und damit wirksam.
    • Die Vereinbarung ist kein Dienstvertrag, sondern ein VMV, sodass §§ 675, 611 BGB nicht direkt anwendbar sind.
  4. Kein Fernabsatzvertrag:

    • Auf VMV finden die Fernabsatzregeln des BGB (a. F.) keine Anwendung (§ 312b Abs. 3 Nr. 3 BGB).

c) Begründung des Gerichts:

  1. Richtlinienkonforme Auslegung (§ 59 VVG, RiLi 2002/92/EG):

    • Der Begriff der Versicherungsvermittlung ist weit auszulegen, um Verbraucherschutz und Dienstleistungsfreiheit zu fördern.
    • Das Einholen eines konkreten Angebots für einen Tarifwechsel fällt unter "Vorbereitungsarbeiten" (Art. 2 Nr. 3 RiLi) und ist damit Vermittlung.
  2. Kein neuer Vertrag erforderlich:

    • § 204 VVG ermöglicht einen Tarifwechsel ohne Vertragsneuabschluss, aber der VM handelt dennoch als Vermittler, da er Versicherungsschutz gestaltend beeinflusst.
  3. Erlaubte Nebenleistungen nach RDG:

    • Rechtliche Prüfung von Tarifen und Einleitung von Schlichtungsverfahren sind untergeordnete Tätigkeiten, die zum Berufsbild des VM gehören.
  4. Transparenz der Vergütung:

    • Die Klausel ist klar und verständlich, da sie direkt an die Einsparung des VN anknüpft. Eine Verlagerung der Courtage vom Versicherer auf den VN liegt nicht vor.

Relevanz: Die Entscheidung stärkt die Rechtssicherheit für Versicherungsmakler, die Tarifwechselberatung anbieten, und bestätigt die Zulässigkeit von Erfolgshonoraren in solchen Fällen.

ENTSCHEIDUNGSNAME
Tarifwechselberatung
STICHWORT
Tarifwechsel-Honorarvermittlung
Tarifwechselberatung in der substitutiven Krankenversicherung als Versicherungsvermittlung
Begriff Versicherungsvermittlung
Tätigkeit eines VM
Erfordernis einer Abschlussvollmacht
Maklervollmacht
stillschweigende Beschränkung der Marktgrundlage der Tätigkeit des VM
konkludente Einschränkung der Marktauswahl
Erfordernis einer dauerhaften Beratungspflicht zur Annahme eines VMV
NORM
§ 59 Abs. 3 VVG
§ 60 VVG
§ 60 Abs. 1 Satz 2 VVG
§§ 60 ff. VVG
§ 204 VVG
§ 134 BGB
§ 307 Abs. 1 Satz 1 BGB
§ 307 Abs. 1 Satz 2 BGB
§ 307 Abs. 2 Nr. 1 BGB
§ 312 b Abs. 1 Satz 1 BGB
§ 312 b Abs. 3 Nr. 3 BGB
§ 675 BGB
§ 611 BGB
§ 612 BGB
§ 3 RDG
§ 5 Abs. 1 RDG
REDAKTION
Evers
GERICHT
BGH
SPRUCHTYP
Urteil
DATUM
28.06.2018
AKTENZEICHEN
I ZR 77/17
ECLI
ECLI:DE:BGH:2018:280618UIZR77.17.0
LIEFERUNG
17.10.2018
ÄNDERUNG
04.09.2026 12:39:48