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ERGEBNISVORSCHLÄGE

BFH, 05.09.2019 - V R 58/17 – Hansekuranz Kontor –

VERFAHRENSINFORMATIONEN

Vorinstanz FG Münster, 17.10.2017 - 15 K 3268/14 U -; nachfolgend EuGH, 25.03.2021 - C-907/19 -; vgl. dazu auch Evers, VW 12/19, 40; Prätzler, jurisPR-SteuerR 10/20 Anm. 6; Dürr, Haufe News v. 16.12.2019

PRAXISHINWEISE

Die Entscheidung betrifft die Frage der Umsatzsteuerbefreiung von Assekuradeuren, die über den Kernbereich der Versicherungsvermittlung hinausgehende Leistungen erbringen, wie sie beispielsweise in der Wahrnehmung von gemäß § 32 VAG auf sie ausgegliederten Funktionen des Versicherungsbetriebs (Entwicklung von Versicherungsprodukten, Policierung, Prämieneinzug) und Schaden (Prüfung und Regulierung von Leistungsfällen) liegen. Da Versicherer als funktionsausgliedernder Leistungsempfänger regelmäßig nicht zum Vorsteuerabzug berechtigt sind, trifft die mit der Entscheidung aufgeworfene Rechtsfrage Assekuradeure existentiell, weil ihre Leistungen insgesamt erheblich kostspieliger würden und sie damit an Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Denn Assekuradeure bündeln verschiedene Einzelleistungen, so dass im Rahmen einer Gesamtbetrachtung zu bestimmen ist, ob getrennte Umsätze gegeben sind oder ein einheitlicher Umsatz vorliegt. Von einem einheitlichen Umsatz ist auszugehen, wenn eine oder mehrere Einzelleistungen eine Hauptleistung und die anderen Einzelleistungen eine oder mehrere Nebenleistungen bilden, die das steuerliche Schicksal der Hauptleistung teilen (LS 3). Der BFH hatte bei der Anwendung dieser Maßstäbe ein Störgefühl, weil nach der Rpr. des EuGH unklar geblieben ist, ob nicht möglicherweise eine einheitliche Leistung auch dann steuerfrei ist, wenn lediglich die Nebenleistung der Vermittlung steuerfrei ist (LS 8), diese aber im unmittelbaren Zusammenhang zu den ausgelagerten Kernfunktionen des VU in den Bereichen Betrieb und Schaden steht (LS 9). Zutreffend hat der Senat erkannt, dass es dabei auch darum geht, die Eigenschaft des VV auszubauen. Die europarechtliche Leitlinie hierzu dürfte die Versicherungsvertriebsrichtlinie bieten, die auch ausgegliederte Funktionen in den Bereichen Betrieb und Schaden der Versicherungsvermittlung zuordnet. Dies zeigen insbesondere die Definition des Begriffs des Versicherungsvertriebs in Art. 2 Abs. 1 Nr. 1 RiLi 2016/97/EU und die Vermittler ebenfalls treffende Verantwortlichkeit bei der Wahrnehmung der Aufsichts- und Lenkungs-Anforderungen in den Produktgenehmigungsverfahren (Art. 25 RiLi 2016/97/EU). Der EuGH hat danach nunmehr zu entscheiden, ob Art. 135 lit. a RiLi 2006/112/EG es erfordert, den Assekuradeur, der wegen der vom Versicherer auf ihn ausgelagerten Funktionen weit mehr leistet als ein Versicherungsvermittler, der aber eben nur nicht das Risiko trägt und der daher zwischen den Umsatzsteuerbefreiungstatbeständen des § 4 Nr. 11 UStG und § 4 Nr. 10 lit. b UStG agiert, insgesamt steuerbare Umsätze tätigt oder nicht. Dem ist der EuGH mit seiner Entscheidung vom 25.03.2021 - C-907/19 - nachgekommen.

LEITSÄTZE

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Fazit/Kurzzusammenfassung: Der BFH hat dem EuGH die Frage vorgelegt, ob die einheitliche Leistung eines Assekuradeurs (bestehend aus Versicherungsvermittlung, Lizenzgewährung für ein Versicherungsprodukt und Vertragsdurchführung inkl. Schadensregulierung) nach Art. 135 Abs. 1 lit. a der Mehrwertsteuer-Richtlinie 2006/112/EG steuerfrei ist, wenn nur die Nebenleistung der Versicherungsvermittlung für sich betrachtet steuerfrei wäre. Das Gericht neigt dazu, die Leistung insgesamt als steuerpflichtig einzustufen, da der Hauptbestandteil (Lizenzgewährung) nicht steuerfrei ist, hat aber Zweifel aufgrund der EuGH-Rechtsprechung (Aspiro-Urteil).


Zusammenfassung der Entscheidung:

a) Wer will was von wem woraus?

  • Kläger: Hansekuranz Kontor (Assekuradeur/Unternehmer, der für ein Versicherungsunternehmen tätig ist).
  • Beklagter: Finanzamt (vertreten durch das Finanzgericht Münster).
  • Streitgegenstand: Steuerfreiheit der vom Kläger erbrachten einheitlichen Leistung (Versicherungsvermittlung + Lizenzgewährung für Versicherungsprodukte + Vertragsdurchführung inkl. Schadensregulierung) nach Art. 135 Abs. 1 lit. a RiLi 2006/112/EG (Mehrwertsteuerbefreiung für Versicherungs- und Rückversicherungsumsätze).

b) Was hat das Gericht entschieden?

  • Der Bundesfinanzhof (BFH) hat das Verfahren ausgesetzt und dem EuGH eine Vorabentscheidungsfrage vorgelegt.
  • Er tendiert dazu, die Leistung insgesamt als steuerpflichtig einzustufen, da der Hauptbestandteil (Lizenzgewährung) nicht unter die Steuerbefreiung fällt.
  • Allerdings bestehe Unsicherheit, ob die Steuerfreiheit greift, wenn nur eine Nebenleistung (hier: Versicherungsvermittlung) die Voraussetzungen des Art. 135 Abs. 1 lit. a RiLi erfüllt.

c) Begründung des Gerichts:

  1. Einheitliche Leistung:

    • Die Leistung des Assekuradeurs besteht aus mehreren Bestandteilen (Vermittlung, Lizenzgewährung, Vertragsdurchführung), die eine wirtschaftliche Einheit bilden.
    • Nach EuGH-Rechtsprechung (z. B. Stadion Amsterdam) wird eine solche Leistung einheitlich nach ihrem Hauptbestandteil besteuert.
    • Hier sei der Hauptbestandteil die Lizenzgewährung, da ohne diese keine Vermittlung möglich wäre und der Assekuradeur auch für die bloße Lizenzvergütung Anspruch auf Zahlung hat.
  2. Steuerfreiheit nach Art. 135 Abs. 1 lit. a RiLi:

    • Die Lizenzgewährung gehöre zur Sacharbeit des Versicherers und sei bei Auslagerung nicht steuerfrei (EuGH, Arthur Andersen).
    • Die Versicherungsvermittlung wäre für sich genommen steuerfrei, da sie die Kundensuche und das Zusammenbringen von Versicherer und Versichertem umfasst (EuGH, Aspiro).
    • Problem: Bei einheitlicher Leistung entscheide sich die Steuerfreiheit nach dem Hauptbestandteil – hier also steuerpflichtig.
  3. Zweifel und Vorlage an den EuGH:

    • Der BFH fragt, ob die Steuerfreiheit trotzdem greift, wenn eine Nebenleistung (Vermittlung) die Voraussetzungen erfüllt.
    • Das EuGH-Urteil Aspiro könnte so verstanden werden, dass eine einheitliche Leistung steuerfrei sein kann, wenn sie im Zusammenhang mit Versicherungsvermittlung steht – selbst wenn andere Bestandteile (wie Schadensregulierung) steuerpflichtig wären.
    • Falls der EuGH dies bejaht, wäre das Urteil des FG Münster (Klageabweisung) aufzuheben.

Offene Frage: Kann eine einheitliche Leistung insgesamt steuerfrei sein, wenn nur eine Nebenleistung (hier: Versicherungsvermittlung) die Voraussetzungen des Art. 135 Abs. 1 lit. a RiLi erfüllt? Der BFH bittet den EuGH um Klärung.

ENTSCHEIDUNGSNAME
Hansekuranz Kontor
STICHWORT
Assekuradeur
Umsatzsteuer
Umsatzsteuerbarkeit der Leistungen eines Assekuradeurs
Produktentwicklung
Entwicklung von Versicherungsprodukten
Vermittlung
NORM
§ 4 Nr. 11 UStG
Art. 135 Abs. 1 lit. a RiLi 2006/112/EG
REDAKTION
Evers
GERICHT
BFH
SPRUCHTYP
Beschluss
DATUM
05.09.2019
AKTENZEICHEN
V R 58/17
ECLI
ECLI:DE:BFH:2019:VE.050919.VR58.17.0
LIEFERUNG
08.04.2020
ÄNDERUNG
16.08.2021