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ERGEBNISVORSCHLÄGE

LSG Baden-Württemberg, 30.07.2020 - L 7 R 2030/19

PRAXISHINWEISE

Die Entscheidung reduziert den Begriff des Auftraggebers zur Annahme einer Rentenversicherungspflicht über die bisherigen Ansätze des Bestehens einer konzernrechtlichen Verflechtung (vgl. BSG, 23.04.2015 LS 23 - Nahrungsergänzungs- und Körperpflegemittel -) hinaus für den Fall, dass der Vertretervertrag mit dem zweiten Auftraggeber nur dazu diene, dem Vertreter zu ermöglichen, erlaubnisfrei im Namen und unter der Haftung eines Versicherer tätig zu werden (LS 20). Die Auffassung des Senats ist mit anerkannten Rechtsgrundsätze unvereinbar, weil die Verschaffung rechtlichen Möglichkeit, als gebundener Versicherungsvertreter erlaubnisfrei tätig zu sein, gerade eine wirksames Auftragsverhältnis zwischen dem Versicherer und dem Vertreter voraussetzt. Auch der Umstand, dass die Vertriebsgesellschaft Provisionen für den Lebensversicherer abrechnet, ändert nichts daran, dass der Lebensversicherer als Vertragspartner des Vertreters die Provision für das Lebensversicherungsgeschäft schuldet. Dass die Entscheidung trotzdem in Ordnung geht, liegt allein daran, dass die Annahme eines Auftraggebers wegen der besonderen Schutzbedürftigkeit des VV der gesetzlichen Wertentscheidung des § 92 a Abs. 2 Satz 1 HGB entspricht. Zwischen Vertriebsgesellschaft und Lebensversicherer hat eine Organisationsgemeinschaft bestanden und die Beendigung des Vertragsverhältnisses mit der Vertriebsgesellschaft sollte nach dem Vertretervertrag mit dem Lebensversicherer zur Beendigung des Vertreterverhältnisses zum Lebensversicherer führen. Für solche Vertretervertragskonstellationen hat der Gesetzgeber eine Verordnungsermächtigung geschaffen, um die notwendigen sozialen und wirtschaftlichen Bedürfnisse dieser HV sicherzustellen. Daran hätte der Senat anknüpfen können und müssen, um eine soziale Schutzbedürftigkeit zur Rechtfertigung der Einbeziehung in die gesetzliche Rentenversicherungspflicht zu begründen.

LEITSÄTZE

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Fazit/Kurzzusammenfassung: Das LSG Baden-Württemberg entscheidet, dass ein selbständiger Versicherungsvermittler, der vertraglich an eine Vertriebsgesellschaft gebunden ist und für diese sowie deren Kooperationspartner (hier: ein Lebensversicherer) tätig wird, rentenversicherungspflichtig nach § 2 Satz 1 Nr. 9 SGB VI ist, wenn er im Wesentlichen nur für einen Auftraggeber (hier: die Vertriebsgesellschaft) arbeitet. Der zusätzliche Vertretervertrag mit dem Lebensversicherer macht diesen nicht zum eigenständigen Auftraggeber, da die Vermittlung tatsächlich über die Vertriebsgesellschaft läuft. Die Versicherungspflicht gilt auch, wenn der Vermittler zeitweise keinen versicherungspflichtigen Arbeitnehmer beschäftigt.



a) Wer will was von wem woraus?

  • Kläger: Ein selbständiger Versicherungsvermittler, der für eine Vertriebsgesellschaft und einen Lebensversicherer (mit gesondertem Vertrag) tätig ist.
  • Beklagter: Die Deutsche Rentenversicherung, die den Vermittler als rentenversicherungspflichtig nach § 2 Satz 1 Nr. 9 SGB VI einstuft und Beiträge für den Zeitraum 01.01.2012–31.08.2013 festsetzt.
  • Streitgegenstand: Ob der Vermittler als arbeitnehmerähnlicher Selbständiger versicherungspflichtig ist, weil er im Wesentlichen nur für einen Auftraggeber (die Vertriebsgesellschaft) tätig war.

b) Was hat das Gericht entschieden? Das LSG bestätigt die Versicherungspflicht des Vermittlers nach § 2 Satz 1 Nr. 9 SGB VI für den streitigen Zeitraum. Es stellt fest:

  1. Die Vertriebsgesellschaft ist alleiniger Auftraggeber, da der Vertrag mit dem Lebensversicherer nur der Erfüllung gesetzlicher Anforderungen (§ 34d GewO) dient und die Vermittlung tatsächlich über die Vertriebsgesellschaft läuft.
  2. Der Vermittler war auf Dauer und im Wesentlichen nur für einen Auftraggeber tätig (mehr als 5/6 des Auftragsvolumens).
  3. Die Beschäftigung eines versicherungspflichtigen Arbeitnehmers (ab September 2013) ändert nichts an der Versicherungspflicht für den vorherigen Zeitraum, da diese zum Zeitpunkt der Tätigkeit nicht absehbar war.
  4. Die Beitragsfestsetzung für 2012–2013 ist rechtmäßig, da keine Einwendungen gegen die Höhe vorlagen und keine Verjährung/Verwirkung gegeben ist.

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c) Begründung des Gerichts:

  1. Abgrenzung Selbständigkeit vs. Beschäftigung:

    • Selbständigkeit liegt vor, wenn der Vermittler keinem Weisungsrecht unterliegt, nicht in die Arbeitsorganisation eingegliedert ist und Tätigkeit/Arbeitszeit frei gestalten kann (§ 7 SGB IV).
    • Hier aber: Die wirtschaftliche Abhängigkeit von der Vertriebsgesellschaft überwiegt, da diese die Provisionen abrechnet, die Kommunikation steuert und die Vermittlungsbedingungen vorgibt.
  2. Auftraggeberbegriff (§ 2 Satz 1 Nr. 9 SGB VI):

    • Auftraggeber ist, wer eine Tätigkeit vermittelt oder ein Organisationskonzept vorgibt – auch ohne direkten Vertrag.
    • Der Lebensversicherer scheidet als eigenständiger Auftraggeber aus, weil der Vermittler ausschließlich nach den Bedingungen der Vertriebsgesellschaft handelt (z. B. Haftungsübernahme durch diese).
  3. „Im Wesentlichen nur für einen Auftraggeber“:

    • Maßgeblich ist die wirtschaftliche Abhängigkeit (hier: > 5/6 des Auftragsvolumens durch die Vertriebsgesellschaft).
    • Unbedeutende Tätigkeiten für andere Auftraggeber (hier: Lebensversicherer) schließen die Versicherungspflicht nicht aus.
  4. Soziale Schutzbedürftigkeit:

    • Der Gesetzgeber typisiert: Selbständige ohne versicherungspflichtige Arbeitnehmer gelten als schutzbedürftig, da sie oft keine ausreichende private Altersvorsorge aufbauen können (BT-Drs. XIV/45, S. 20).
    • Die spätere Beschäftigung eines Arbeitnehmers (ab 2013) ist nicht rückwirkend zu berücksichtigen.
  5. Beitragspflicht:

    • Die Festsetzung der Beiträge für 2012–2013 ist rechtmäßig, da der Vermittler keine Einwendungen erhoben hat und keine Fehler in der Berechnung ersichtlich sind.

Relevante Rechtsgrundlagen:

  • § 2 Satz 1 Nr. 9 SGB VI (Versicherungspflicht für arbeitnehmerähnliche Selbständige)
  • § 7 SGB IV (Abgrenzung Beschäftigung/Selbständigkeit)
  • § 34d GewO (Erlaubnisfreie Vermittlung für gebundene Ausschließlichkeitsvertreter)
ENTSCHEIDUNGSNAME
STICHWORT
arbeitnehmerähnliche Selbständigkeit
Rentenversicherungspflicht eines echten Untervertreters mit paralleler Direktanbindung an den vom Hauptvertreter vertretenen U
Sekundäranbindung
parallele Direktanbindung
NORM
§ 2 Satz 1 Nr. 9 SGB VI
§ 5 Abs. 2 Nr. 2 SGB VI
§ 7 Abs. 1 SGB IV
§ 23 SGB IV
§ 34 d GewO
§ 84 HGB
§ 92 HGB
REDAKTION
Evers
GERICHT
LSG Baden-Württemberg
SPRUCHTYP
Urteil
DATUM
30.07.2020
AKTENZEICHEN
L 7 R 2030/19
ECLI
ECLI:DE:LSGBW:2020:0730.L7R2030.19.00
LIEFERUNG
16.09.2020
ÄNDERUNG
07.09.2026 15:32:40