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ERGEBNISVORSCHLÄGE

LG Aurich, 22.12.2023 - 6 O 157/20 – SCORE –

VERFAHRENSINFORMATIONEN

nachfolgend OLG Oldenburg, 30.01.2025 - 8 U 5/24 -

PRAXISHINWEISE

1. Die Entscheidung ist in dreierlei Hinsicht für die Praxis von Bedeutung.

1.1 Die Kammer entwickelt den i.S.d. § 89 b Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 HGB anerkannten anspruchsmindernden Gesichtspunkt der Sogwirkung der Marke weiter zu einer allgemeinen um die Aspekte einer von Lage der Station und Preisstellung des U ausgehenden Sogwirkung (LS 35), denen sie ebenso für die Werbung von Stammkunden durch den TStH förderlichen Einfluss beimisst (LS 41, 44). Diese Aspekte Lage und Preisstellung rechtfertigten daher auch dann die Annahme einer anspruchsmindernden Sogwirkung, wenn die Marke des U bei der Neukundenwerbung keine Rolle spiele (LS 45).

1.2 Die Kammer gelangt zu dem Ergebnis, dass eine vom U vom Stationsnachfolger versprochen erhaltene Einstandszahlung für die Ermittlung des AA des ausgeschiedenen TStH unerheblich ist (LS 61, 62, 63, 64).

1.3 Wegen eines mit dem HVV in der ursprünglichen Fassung vereinbarten Entgelts für die Vertretungsrechte, das bis zur Vertragsbeendigung gestundet werden und mit einem etwaigen AA des TStH verrechnet werden sollte, soll der U nach der Entscheidung bei Vertragsende nicht mehr gegen den AA des TStH aufrechnen können, wenn der U mit dem TStH vor Beendigung des HVV einen neuen HVV geschlossen hat, der den bisherigen ersetzen und an deren Stelle treten sollte (LS 65).

2. Ob sich die Auffassung der Kammer zur Erweiterung der Sogwirkung um die selbständigen Aspekte von Lage und Preisstellung durchsetzt, dürfte zu bezweifeln sein. In tatsächlicher Hinsicht blieb unbeachtet, dass sich weitere Tankstellen im Einzugsbereich der fraglichen Station belegen waren. Dies wäre durch Nutzung von Google ohne weiteres zu ersehen gewesen. Jedenfalls waren dadurch näherer Ausführungen dazu veranlasst, warum die Werbetätigkeit des TStH allein durch Lage- oder Preisstellung signifikant erleichtert sein soll, wenn sich unter den Konkurrenzstationen im Einzugsbereich auch freie Tankstellen befinden.

Auch wenn Unternehmervorteile mit der Kammer zu verneinen sind, soweit der U die Vertretungsrechte für die Station gegen Entgelt an Nachfolger vergibt, erscheint nicht ausgeschlossen, darin einen unter dem Gesichtspunkt der Billigkeit zu berücksichtigender Aspekt zu sehen, der allerdings weit hinter dem Entgeltanteil zurückbleiben dürfte, der sich aus den von Vorgänger aufgebauten Stammkundenumsätzen errechnet. Insofern dürfte zu erwarten sein, dass sich die Rspr. künftig eingehender mit diesem Aspekt auseinander setzt.

Ebenso zweifelhaft erscheint es, aus einer Ersetzungsklausel bei der Novellierung des Bedingungswerkes des HVV auf den Parteiwillen zu schließen, dass sich die vom HV übernommene Pflicht zur Zahlung eines Entgelts für die Vertretungsrechte erledigt hat. Denn in jedem Fall wäre insoweit zu prüfen, ob dies den AA des HV nach § 89 b Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 HGB unter dem Gesichtspunkt einer besonders günstigen Vertragsbedingung mindert (Evers, VW 3/24, 60, 61),

LEITSÄTZE

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Fazit/Kurzzusammenfassung: Das Landgericht Aurich hat entschieden, dass ein stationärer Tankstellenhalter (TStH) als Handelsvertreter (§ 89b HGB) Anspruch auf einen Handelsvertreterausgleichsanspruch (AA) hat, wenn er für den Unternehmer (U) Stammkunden geworben hat, die nach Vertragsende dem U weiterhin Vorteile bringen. Der AA bemisst sich nach den entgangenen Provisionen aus Folgegeschäften mit diesen Stammkunden, wobei Einstandszahlungen des Nachfolgepächters nicht berücksichtigt werden. Die Berechnung erfolgt durch Schätzung der Stammkundenquote, Abzug eines Billigkeitsanteils (hier 10 % für Sogwirkung von Marke/Preis/Lage) und Abzinsung auf den Barwert.



Zusammenfassung der Entscheidung im Detail:

a) Wer will was von wem woraus?

  • Wer: Der Tankstellenhalter (TStH) als Handelsvertreter (HV)
  • will was: einen Handelsvertreterausgleichsanspruch (AA) gemäß § 89b HGB
  • von wem: vom Unternehmer (U), der die Tankstelle verpachtet hat
  • woraus: Aus der Beendigung des Handelsvertretervertrags (HVV) und den dem U verbleibenden Vorteilen aus den vom TStH geworbenen Stammkunden.

b) Was hat das Gericht entschieden?

  1. Anwendbarkeit des § 89b HGB: Der stationäre TStH unterfällt als HV dem Anwendungsbereich des § 89b HGB, da er vertraglich verpflichtet war, die Tankstelle zu betreiben, Kraftstoffe des U zu verkaufen und Kunden zu werben.

  2. Voraussetzungen für den AA:

    • Der HVV wurde beendet.
    • Dem U verbleiben nach Vertragsende erhebliche Vorteile aus Stammkunden (hier: Stammkundenanteil > 66 %).
    • Der TStH hat den AA fristgerecht (§ 89b Abs. 4 S. 2 HGB) geltend gemacht.
    • Die Kündigung durch den TStH (altersbedingt, 66. Lebensjahr) steht dem AA nicht entgegen (§ 89b Abs. 3 Nr. 1 HGB).
  3. Berechnung des AA:

    • Ausgangsbetrag: Provisionen des letzten Vertragsjahres (hier: 36.561,97 € für Stammkunden bei 72,8 % Quote).
    • Stammkundenermittlung:
    • Kunden, die >4x/Jahr tankten, gelten als Stammkunden.
    • Anscheinsbeweis: Stammkundenkreis wurde vom TStH geworben.
    • Stammkundenquote wird aus Kassenjournaldaten (Abgleich mit 99,8 % Übereinstimmung) ermittelt.
    • Korrektur um 2,5 % für nicht erfasste Stammkunden (wechselnde Zahlungsmittel).
    • Prognose der Abwanderung: 20 % jährlich (nach 5 Jahren: 100 % Abwanderung → kumulierter Verlust: 200 % der Jahresprovision).
    • Billigkeitsabzug: 10 % für Sogwirkung von Marke, Preisbildung und Lage der Tankstelle (da U diese Faktoren steuert).
    • Abzinsung: Barwertberechnung mit 1 % Zinssatz über 5 Jahre (Hoffmannsche Formel) → 62.677,67 €.
    • Mehrwertsteuer: +19 % → 74.586,43 € brutto (unter der Höchstgrenze des 5-Jahres-Durchschnitts: 89.066,03 €).
  4. Ausschluss der Einstandszahlung:

    • Einstandszahlungen des Nachfolgepächters an den U werden nicht auf den AA angerechnet, da dies zu einer Doppelberücksichtigung der Stammkunden führen würde.
  5. Verzinsung und Kosten:

    • Der AA ist ab dem 1. Oktober 2018 mit 5 % (§ 353 HGB) zu verzinsen.
    • Kein Anspruch auf Verzugszinsen (§§ 286, 288 BGB) oder Erstattung vorgerichtlicher Anwaltskosten, da keine verzugsbegründende Mahnung vorlag.

---

c) Begründung des Gerichts:

  1. Rechtliche Einordnung:

    • Der TStH ist HV, da er für den U Kunden wirbt und Verträge vermittelt (st. Rspr. des BGH zu Tankstellenpächtern).
    • Der AA dient dem Ausgleich für entgangene Provisionen aus Folgegeschäften mit geworbenen Stammkunden.
  2. Stammkundenquote:

    • Die Quote wird aus Kassenjournaldaten abgeleitet (hier: 72,8 %, korrigiert auf ~75 %).
    • Methodik: Vierstufige Berechnung (Kartenzahler, Barzahler, Stationskredit, Korrektur für nicht erfasste Stammkunden).
  3. Billigkeitsabzug:

    • Sogwirkung (Marke/Preis/Lage) mindert den AA, da diese Faktoren nicht vom TStH beeinflusst werden.
    • Hier: 10 % Abzug, da die Marke des U für Kunden irrelevant war (laut Marktforschungsgutachten).
  4. Abzinsung:

    • Der AA ersetzt zukünftige Provisionen → Barwertberechnung nötig.
    • Niedriges Zinsniveau (0–4,5 % im relevanten Zeitraum) rechtfertigt 1 % Zinssatz.
  5. Keine Berücksichtigung der Einstandszahlung:

    • Der AA basiert auf Provisionsverlusten, nicht auf dem Wert der Tankstelle.
    • Einstandszahlungen des Nachfolgepächters können andere Gründe haben (z. B. Lagerbestände, Ausstattung).

Relevante Rechtsgrundlagen:

  • § 89b HGB (Ausgleichsanspruch des Handelsvertreters)
  • § 287 ZPO (Schätzung durch das Gericht)
  • § 353 HGB (Verzinsung)
  • BGH-Rechtsprechung zu Tankstellen-HV (z. B. Aral, Shell, Elf).
ENTSCHEIDUNGSNAME
SCORE
STICHWORT
AA des TStH
Berücksichtigung der Einstandszahlung des Nachfolgepächters beim AA des TStH
NORM
§ 89 b HGB
§ 89 b Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 HGB 1989
§ 89 b Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 HGB
§ 89 b Abs. 3 Nr. 1 HGB
§ 89 b Abs. 4 Satz 2 HGB
REDAKTION
Evers
GERICHT
LG Aurich
SPRUCHTYP
Urteil
DATUM
22.12.2023
AKTENZEICHEN
6 O 157/20
ECLI
ECLI:DE:LGAURIC:2023:1220.6O157.20.00
LIEFERUNG
08.02.2024
ÄNDERUNG
28.04.2026 15:23:00