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ERGEBNISVORSCHLÄGE

OLG München, 16.01.2020 - 29 U 1834/18 – 1:1 Assekuranzservice –

VERFAHRENSINFORMATIONEN

rkr.; Vorinstanz LG Passau, 03.05.2018 - 1 HK O 56/16 -; der Senat hat die Revision wegen der über den zu entscheidenden Einzelfall hinausgehenden und auch von den Parteien des Rechtsstreits vor dem Senat dargestellten Bedeutung der Entscheidung für die Zulässigkeit des Außenauftritts von VM, an denen Versicherer beteiligt sind, zugelassen

PRAXISHINWEISE

Die Entscheidung befasst sich erstmals mit der Frage der lauterkeitsrechtlichen Zulässigkeit des Auftretens als VM, dessen Unternehmen zu 100 % durch einen Versicherer beherrscht wird. Davon ausgehend, dass die Erlaubnis nach § 34 d Abs. 1 GewO nicht davon abhänge, ob und ggf. in welchem Umfang Beteiligungen von Versicherern an dem Maklerunternehmen bestehen (LS 17), folgert der 29. ZS aus den Vorschriften der § 11 Abs. 1 Nr. 3 VersVermV 2007 bzw. § 15 Abs. 1 Nr. 3 VersVermV 2018, es entspreche dem Willen des Gesetzgebers, VM keinerlei Beschränkungen für Beteiligungen von VU aufzuerlegen (LS 21, 22). Diesen Willen des Gesetzgebers habe das Lauterkeitsrecht zu beachten (LS 24). Ob das in Erwägungsgrund 18 der RiLi 2002/92/EG sowie den Erwägungsgründen 40 und 47 der RiLi 2016/97/EU verankerte Prinzip der Polarisation (vgl. dazu Anm. 10.4 m.w.N. zu OLG Oldenburg, 13.01.1999) diese Annahme zulässt, oder die Vorschriften richtlinienkonform dahin auszulegen sind, dass sie einer Mehrheitsbeteiligung entgegen stehen, lässt der Senat unerörtert. Dies gilt erstaunlich auch für die von der Vorinstanz aufgeworfene und zutreffend verneinte Frage (LG Passau, 03.05.2018 LS 20, 21, 22 - 1:1 Assekuranzservice -), ob die Mehrheitsbeteiligung eines VU am Unternehmen eines VM mit dessen allgemeiner Wohlverhaltenspflicht nach § 59 Abs. 1 Satz 2 i.V.m. § 1 a Abs. 1 Satz 1 VVG zu vereinbaren ist. Denn in Ansehung des gesetzlichen Leitbildes des VM (Anm. 25.2 zu OLG München, 16.01.2020 - 1:1 Assekuranzservice -) und seiner Pflicht nach § 60 Abs. 1 Satz 1 VVG, eine objektive und ausgewogene Marktuntersuchung durchzuführen (KG, 10.05.2016 LS 11 m.w.N. - MLP 35 -; Anm. 26.1 zu OLG München, 16.01.2020), erscheint dies zweifelhaft. Auch die Annahme des Senats, die Grundsätze der Verflechtungsrechtsprechung rechtfertigten jedenfalls keine allgemeine Untersagung eines Außenauftritts als VM, die nicht an die konkret ausgeübte Vermittlungstätigkeit anknüpfe (LS 26), erscheint wegen der besonders ausgeprägten Pflichten des VM in dieser Allgemeinheit bedenklich (so auch LG Passau, 03.05.2018 LS 11, 13 - 1:1 Assekuranzservice -). Selbst die auf der Hand liegenden Interessenkonflikte, die im Leistungsfall etwa einer Berufsunfähigkeitsversicherung bestehen, wenn der Versicherer die Leistung vollständig oder teilweise ablehnt und der zu 100% von diesem beherrschte VM sich für die Durchsetzung der Leistungsinteressen des VN einsetzen muss (vgl. BGH, 14.01.2016 LS 16 m.w.N. - Verseegen Assekuranz -), hat der Senat nicht erörtert, obwohl das LG diese zutreffend thematisiert hat (LG Passau, 03.05.2018 LS 18 - 1:1 Assekuranzservice -). Immerhin ist dem VM nach der Entscheidung die Werbeaussage zu untersagen, unabhängig und neutral zu sein, welche wegen der Mehrheitsbeteiligung des Versicherers nicht zutreffe (LS 34).

LEITSÄTZE

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Fazit/Kurzzusammenfassung: Das OLG München entscheidet, dass ein Unternehmen mit Erlaubnis nach § 34d GewO als Versicherungsmakler (VM) auftreten darf, selbst wenn ein Versicherungsunternehmen (VU) mehrheitlich daran beteiligt ist. Allerdings ist die Werbeaussage, „neutral und unabhängig“ zu sein, in diesem Fall irreführend und damit unlauter nach § 5 UWG.


Zusammenfassung der Entscheidung:

a) Wer will was von wem woraus?

  • Kläger (Wettbewerber oder Verbraucherschutzverband): Beantragt, dass der Beklagte (ein VM mit Mehrheitsbeteiligung eines VU) es unterlässt, sich als „neutral und unabhängig“ zu bewerben.
  • Rechtsgrundlage: § 5 Abs. 1 UWG (Irreführung über geschäftliche Verhältnisse), § 3a UWG (Verstoß gegen Marktverhaltensregeln).

b) Was hat das Gericht entschieden?

  1. Auftritt als VM zulässig:

    • Der bloße Umstand, dass ein VU mehrheitlich an einem VM beteiligt ist, macht dessen Auftreten als VM nicht irreführend oder unlauter.
    • Die typenspezifische Erlaubnis nach § 34d Abs. 1 GewO (für VM oder Versicherungsvertreter) ist entscheidend – nicht die Beteiligungsstruktur.
  2. Werbung mit „neutral und unabhängig“ unzulässig:

    • Die Behauptung, „neutral und unabhängig“ zu sein, ist irreführend, wenn ein VU die Mehrheit der Anteile hält.
    • Eine solche Werbung suggeriert eine tatsächlich nicht gegebene Unabhängigkeit von Versicherern.
  3. Unterlassungsanspruch:

    • Der Kläger hat einen Anspruch auf Unterlassung dieser Werbeaussage, da eine Wiederholungsgefahr besteht (auch wenn die Werbung aktuell nicht mehr verwendet wird).

c) Begründung des Gerichts:

  1. Keine Irreführung durch den VM-Auftritt allein:

    • Der Gesetzgeber erlaubt ausdrücklich, dass VU an VM beteiligt sein können (vgl. § 59 Abs. 3 VVG, § 34d GewO).
    • Eine Mehrheitsbeteiligung widerspricht nicht der Erlaubnis als VM – entscheidend ist die tatsächliche Tätigkeit (kein automatischer Interessenkonflikt).
    • Der Verkehr (durchschnittlicher Verbraucher) erwartet von einem VM nicht zwingend eine kapitalmäßige Unabhängigkeit, sondern eine handlungsbezogene Neutralität.
  2. Irreführung durch Neutralitätswerbung:

    • Die Werbeaussage „neutral und unabhängig“ geht über den bloßen VM-Auftritt hinaus und suggeriert eine tatsächliche Unabhängigkeit von VU.
    • Bei einer Mehrheitsbeteiligung besteht jedoch die potenzielle Gefahr, dass der VM nicht nur Kunden-, sondern auch Anteilseignerinteressen (des VU) vertritt.
    • Die Irreführung ist relevant, da Beteiligungsverhältnisse für Verbraucher entscheidungserheblich sind (§ 15 VersVermV).
    • Eine spätere Aufklärung über die Beteiligungen (z. B. auf der Website) hebt die Irreführung nicht auf, da der Verkehr die Werbeaussage isoliert wahrnimmt.
  3. Wiederholungsgefahr:

    • Selbst wenn die Werbung aktuell nicht mehr genutzt wird, besteht eine tatsächliche Vermutung für Wiederholungsgefahr.
    • Zur Beseitigung wäre eine strafbewehrte Unterlassungserklärung oder ein Titel erforderlich.
  4. Kein Vollstreckungsschutz:

    • Das Verbot der Neutralitätswerbung gefährdet nicht die Existenz des VM, da dieser weiterhin als VM auftreten darf – nur die konkrete Werbeaussage ist unzulässig.

Kernaussage: Der Auftritt als VM ist trotz Mehrheitsbeteiligung eines VU erlaubt, aber die Werbung mit „neutral und unabhängig“ ist in diesem Fall irreführend und damit unlauter.

ENTSCHEIDUNGSNAME
1:1 Assekuranzservice
unabhängiger Versicherungsmakler
STICHWORT
Marktverhaltensregelung
Vereinbarkeit des Status als VM mit einer Mehrheitsbeteiligung eines Versicherers
Irreführung durch vom VM behauptete Neutralität und Unabhängigkeit
NORM
§ 3 a UWG
§ 5 Abs. 1 UWG
§ 34 d Abs. 1 GewO
§ 34 d Abs. 1 Satz 2 Nr. 2 GewO
§ 15 Abs. 1 Nr. 11 VersVermV 2018
§ 11 Abs. 1 Nr. 6 VersVermV 2007
REDAKTION
Evers
GERICHT
OLG München
SPRUCHTYP
Urteil
DATUM
16.01.2020
AKTENZEICHEN
29 U 1834/18
ECLI
ECLI:DE:OLGMUEN:2020:0116.29U1834.18.0A
LIEFERUNG
12.03.2020
ÄNDERUNG
12.08.2026 16:26:18