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ERGEBNISVORSCHLÄGE

OLG München, 03.12.2020 - 29 U 7047/19 – VH24 –

VERFAHRENSINFORMATIONEN

n.rkr.; Vorinstanz LG München I, 26.11.2019 - 33 O 18393/18 -

PRAXISHINWEISE

Mit der Entscheidung hat der Senat es dem Betreiber eines Verbraucherportals untersagt, VN von Lebensversicherungen über die Ausübung des Widerrufsrechts nach § 5 a VVG a.F. zu beraten (LS 1), obwohl der Betreiber die Klärung der Rechtsfrage, ob Erfolgsaussichten für eine Ausübung des Widerrufsrechts bestehen, jeweils durch externe Anwälte hat klären lassen. Der Senat bestätigt die bisherige Spruchpraxis (OLG Düsseldorf, 15.06.2010 - 20 U 175/09 - NJW-RR 11, 129 = openJur Tz. 22 ff. - Loss Adjuster -), nach der derartige Geschäftsmodelle unzulässig sind (LS 3). Dafür spricht zwar, dass die im Regierungsentwurf zum RDG enthaltene Regelung des § 5 Abs. 3 Reg-E RDG mit der Beschlussempfehlung des Rechtsausschusses gestrichen worden ist. Der Senat hat allerdings nicht geprüft, ob das Geschäftsmodell auch in Ansehung der eingetragenen Inkassodienstleistern eingeräumten erweiterten Befugnisse noch als mit dem RDG unvereinbar angesehen werden kann (BGH, 13.07.2021 - II ZR 84/20 - Juris Tz. 28; 27.05.2020 - VIII ZR 45/19 - Juris Tz. 54; 27.11.2019 - VIII ZR 285/18 - Juris Tzz. 225 ff.). Das LG hatte insoweit auf mögliche Interessenkonflikte hingewiesen, die sich aus dem vereinbarten Erfolgshonorar einerseits und dem Halteinteresse des VN andererseits ergeben (LG München I, 26.11.2019 LS 31) und die in den Fällen der Geltendmachung dem Grunde nach bereits entstandener Ansprüche in dieser Form nicht gegeben sind. Der Senat stellt in aller wünschenswerten Deutlichkeit klar, dass die Stellung von Formularen keine Rechtsdienstleistung darstellt (LS 5).

Darin, dass Versicherungsberatern die Tätigkeit gegen Erfolgshonorar untersagt sein soll (LS 12), kann dem Senat nicht gefolgt werden wie dem BGH (06.06.2019 LS 3, 38, 40 - WIDGE.de -). Dabei wird übersehen, dass Versicherungsberater damit gegenüber anderen Versicherungsvermittlern benachteiligt werden. Denn während M und VV eine Tarifwechselberatung gegen ein nur für den Fall des vollzogenen Tarifwechsels fälliges Vermittlungshonorar durchführen dürfen, soll dies Versicherungsberatern untersagt sein. Diese Ungleichbehandlung begegnet durchgreifenden verfassungsrechtlichen Bedenken, weil sie sachlich wegen mit Verleihung der Befugnis zur Ausübung der Vermittlungstätigkeit, die nach § 34 e GewO 2007 noch untersagt war (VG Potsdam, 10.03.2015 LS 29 m.w.N.) gesetzlichen Einordnung als Versicherungsvermittler verfassungskräftig nicht zu rechtfertigen sein dürfte.

LEITSÄTZE

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Fazit/Kurzzusammenfassung: Das OLG München hat entschieden, dass ein Gewerbetreibender, der Versicherungsnehmer (VN) bei der Prüfung von Lebensversicherungsverträgen auf Widerrufsrechte (§ 5a VVG a.F.) rechtlich berät, ohne über eine Erlaubnis nach § 34d Abs. 2 GewO zu verfügen, gegen das Rechtsdienstleistungsgesetz (RDG) verstößt. Selbst die interne Zusammenarbeit mit Rechtsanwälten ändert nichts an der Unzulässigkeit, da keine direkte Beziehung zwischen Anwalt und Kunde besteht. Erfolgshonorare für solche Beratungen sind ebenfalls unzulässig.


Zusammenfassung der Entscheidung:

a) Wer will was von wem woraus?

  • Kläger: Ein Gewerbetreibender (wahrscheinlich ein Konkurrent oder Verband) verlangt von einem anderen Gewerbetreibenden (Beklagter) die Unterlassung bestimmter Rechtsdienstleistungen.
  • Gegenstand:
  • Prüfung von Lebens- und Rentenversicherungsverträgen auf mögliche Widersprüche (§ 5a VVG a.F.).
  • Empfehlungen zur Ausübung des Widerspruchsrechts, Besprechungen mit Versicherungsnehmern (VN) und Formulierungshilfen für Widersprüche.
  • Rechtsgrundlage:
  • §§ 8 Abs. 1, Abs. 3, 3, 3a UWG (unlauterer Wettbewerb) i.V.m. § 3 RDG (Verbot unerlaubter Rechtsdienstleistungen) und § 34d Abs. 2 GewO (Erlaubnispflicht für Versicherungsberatung).

b) Was hat das Gericht entschieden?

  • Der Beklagte darf keine rechtliche Beratung zu Widerrufsmöglichkeiten von Lebensversicherungsverträgen anbieten, wenn er keine Erlaubnis nach § 34d Abs. 2 GewO besitzt.
  • Die bloße interne Zusammenarbeit mit Rechtsanwälten entbindet ihn nicht von der Erlaubnispflicht, da keine direkte Anwalts-Kunden-Beziehung entsteht.
  • Erfolgshonorare (z. B. prozentuale Beteiligung am Mehrerlös) sind für Versicherungsberater unzulässig.
  • Eine Registrierung als Inkassodienstleister (§ 10 RDG) deckt keine unabhängige Rechtsberatung ab.
  • Der Unterlassungsanspruch erstreckt sich auch auf den Geschäftsführer der GmbH, wenn das Geschäftsmodell auf RDG-Verstöße ausgelegt ist.

c) Begründung des Gerichts:

  1. Rechtsdienstleistung ohne Erlaubnis:

    • Die Prüfung von Verträgen auf Widerrufsrechte und die darauf basierende Beratung stellen eine selbständige Rechtsdienstleistung dar, die einer Erlaubnis bedarf (§ 3 RDG, § 34d GewO).
    • Die Hinzuziehung von Anwälten im Hintergrund ändert nichts daran, da der Gewerbetreibende selbst die Leistung erbringt und gegenüber dem Kunden verantwortlich ist.
  2. Keine Ausnahmen:

    • Das bloße Bereitstellen von Widerspruchsformularen ist keine Rechtsberatung, aber die individuelle Prüfung und Empfehlung schon.
    • Eine Inkassoregistrierung berechtigt nicht zur Vorab-Beratung über Widerrufsrechte, da diese Tätigkeit losgelöst vom Inkasso erfolgt.
  3. Erfolgshonorar-Verbot:

    • Versicherungsberater dürfen keine erfolgsabhängigen Vergütungen vereinbaren (Verweis auf BGH, Urteil v. 06.06.2019 – I ZR 67/18).
  4. Geschäftsführerhaftung:

    • Da das Geschäftsmodell auf RDG-Verstöße ausgelegt ist, haftet auch der Geschäftsführer persönlich (Verweis auf BGH, Urteil v. 18.06.2014 – I ZR 242/12).
  5. Verjährung:

    • Selbst wenn einzelne Verletzungshandlungen verjährt sind, besteht der Unterlassungsanspruch weiter, wenn kerngleiche Verstöße in unverjährter Zeit vorliegen.

Kernaussage: Gewerbetreibende dürfen Versicherungsnehmer nicht rechtlich beraten (z. B. zu Widerrufsrechten), wenn sie keine spezielle Erlaubnis nach § 34d GewO haben – auch nicht mit interner Anwaltshilfe. Erfolgshonorare und die Umgehung über Inkassoregistrierungen sind unzulässig. Geschäftsführer haften bei systematischen Verstößen mit.

ENTSCHEIDUNGSNAME
VH24
STICHWORT
Legal Tech
Rechtsberatung
Beratung zum Widerruf von Lebensversicherungsverträgen
Inkassoerlaubnis
Rechtsdienstleistung
Erfolgshonorar
Versicherungsberater
Bereitstellung von Formularen
Widerrufsformular
Formulare zum Widerruf von Lebensversicherungen
NORM
§ 34 d Abs. 2 Satz 2 Nr. 1 GewO
§ 2 Abs. 2 Nr. 1 RDG
§ 10 RDG
§ 3 RDG
§ 8 Abs. 1 UWG
§ 8 Abs. 3 UWG
§ 3 UWG
§ 3 a UWG
§ 5 a VVG a.F.
REDAKTION
Evers
GERICHT
OLG München
SPRUCHTYP
Urteil
DATUM
03.12.2020
AKTENZEICHEN
29 U 7047/19
ECLI
ECLI:DE:OLGMUEN:2020:1203.29U7047.19.0A
LIEFERUNG
26.01.2021
ÄNDERUNG
19.05.2026 13:25:42